Brief
von Helga:
Hallo
Norbert,
kann
mich leider immer noch nicht an Namen erinnern. Der einzige ist nach wie vor
Gaby, und bei dem bin ich mir nicht mal sicher ob ich mir den nicht nur
einbilde, weil es in meiner Erinnerung jemand war dem ich mein Kummer erzählt
habe, aber für mich auch kein Gesicht hat, so wie alle anderen. ich erinnere
mich lediglich das es sich überwiegend um kleinere Kinder gehandelt hat, die jünger
als ich waren(ich war 8/9 Jahre). Und daran wie schrecklich es für mich war,
Zuschauer von Gewalt an kleinen Kindern gewesen zu sein. Selbst die Anwesenheit
meiner Schwester hatte ich ausgeblendet, was jetzt erst stückweise zurück
kehrt. Der Zeitraum stimmt und ich würde gerne helfen. Falls sich meine
Erinnerung in dem Zusammenhang ändert melde ich mich. Es waren übrigens so
viele Berliner weil das Heim aus irgend einen Grund einen guten Ruf hatte und
wohl zu den preiswerteren gehörte.
Tatsächlich war es aber auch recht, dass es so weit war, dass die
Verwandten nicht hinreisten und störten. Die öffentliche Heimpädagogik
vertrat damals die Meinung dass die Kinder im Kinderheim nicht durch
Elternbesuche irritiert werden sollten. Wir sind von unseren Eltern besucht
worden und meine Mutter erzählte später immer wieder, dass die Zustände die
sie da antrafen, so schlimm waren, dass sie das dem Amt gemeldet hatten.
Angeblich soll es dazu geführt haben, dass von meinem Bezirk(Tiergarten) keine
Kinder mehr hingeschickt wurden.
Ich
bin froh dass ich später als Du und nicht so lange da war. Mein Leben war zwar
trotzdem nicht einfach, ständiger Terror zu Hause bis wir zur nächsten
Scheidung wieder im Heim(in Berlin in einem Nonnenkloster) landeten. Meine
Schwester hat sich mit 20 das Leben genommen, ich hab dann aber zum Glück noch
irgendwie die Kurve bekommen. Aber viele Jahre und zu Deiner Zeit in dem Heim
muss echt die Härte gewesen sein. Also ich hoffe Du hast jetzt ein besseres
Leben und kannst es genießen.
liebe
Grüße aus Werde
Helga
Emails von Jürgen:
Guten Morgen noch einmal,
es ist schön mit dir zu schreiben und ich gebe dir unbedingt recht was das
auskotzen betrifft, ich glaube das war einer der Gründe warum ich Kontakt zu
Ehemaligen suche. Die Zeit damals hat uns glaube ich zu mehr oder minder
schweren seelischen Krüppeln gemacht und meine Frau, die als Altenpflegerin
arbeitet, sagt auch das all diese schlimmen Erinnerungen wiederkommen je älter
man wird. Wenn wir sie nicht aufarbeiten werden wir große Probleme im Alter
kriegen, deshalb finde ich es gut das wir gemeinsam das versuchen. Ich habe
das große Glück eine Frau zu haben mit der wirklich über alles reden und dies
ist bei sehr wichtig denn neben den Erlebnissen in diversen Heimen war ich
Volltrottel auch noch in der Fremdenlegion, manche lassen halt nichts aus. Bis
demnächst altes Haus
und grüß Deine Frau - Jürgen :-)
Guten
Morgen Norbert,
ok das andere Heim hieß Miller und nicht Müller aber ehrlich ist das
so wichtig? Denn wie sagt ein großer Deutscher Denker: "Namen sind Schall
und Rauch". Ich möchte die Zeit im Heim nicht beschönigen denn auch zu
meiner Zeit wurden wir mit dem großen Kochlöffel oder Teppichklopfer verprügelt.
Ich weiß noch wie heute das Jürgen S. und auch Manfred in Unterwäsche durchs
Dorf geführt wurden und das wir im Sommer nicht in Haus durften um Wasser zu
trinken und es uns dann aus dem Klobecken geholt haben. Diese Liste ließe sich
noch fortsetzen, aber mal Hand auf's Herz haben dich die Gedanken daran im Leben
weitergebracht. Meine Frau sagt ich wäre ein Meister im Verdrängen und
wahrscheinlich hat sie recht, aber würde ich an all das schlimme denken was Dir
und mir und vielen anderen passiert ist, ich hätte vielleicht auch Selbstmord
begangen wie einige unserer Freundinnen und Freunde aus der damaligen Zeit.
Warum ich Dir das schreibe? Für mich lassen sich Ereignisse nicht einzeln
abkoppeln sondern ich versuche immer das ganze zu sehen und da gibt es zum Glück
auch viele gute Erinnerungen die ich als Bastard und Hurensohn gesammelt habe.
Es güßt dich aus der Ferne gerne
Jürgen ;-)
Hallo ihr Verstreuten,
vielleicht kann ich euch ein wenig aus eurem Stress holen, wenn ich Euch
ein bisschen an die schöne Zeit in Kallmünz erinnere. Eines was mir bis heute
nicht aus den Sinn gegangen ist, waren zur Weihnachtszeit die Einladungen
unserer Amerikanischen Freunde. Es war immer so ein typischer amerikanischer grüner
Militärbus. Wie halt alle Militärbusse sind, war auch der weder schön noch
bequem. Aber für uns war das jedes mal der schönste Bus überhaupt und wehe
der fuhr vorbei und womöglich zu den Müller's na das war ja dann die
Ungerechtigkeit pur. Schließlich waren wir doch die netteren Kinder oder
bezweifelt das jemand von Euch. Wir fuhren eigentlich immer nach Hohenfels, dort
gab es dann reichlich zu essen. Besonders gerne erinnere ich mich an diesen grünen
oder roten Wackelpudding mit Früchten drin, oder diese ach so süßen Kuchen.
Es gab Kakao oder auch Cola und die berühmte amerikanische Eiskreme, es war das
reinste Schlaraffenland. Dann als der Höhepunkt kam und Santa Claus uns alle
beschenkte, spätestens da wollten wir alle Amerikaner werden. Ich weiß noch,
einmal war ich so aufgeregt, das ich vor dem Weihnachtsmann einen Knicks machte
statt eines Dieners und das Gelächter war groß. Tja das sind so ein paar
Erinnerungen die einem ab und zu durch den Kopf gehen gerade zu dieser Zeit, na
vielleicht fällt mir noch etwas ein dann schreib ich wieder.
Bis dahin grüßt Nah und Fern
Euer Jürgen