Ankunft
in Kallmünz
komm,
steh auf, sagte Tante Reta, wobei Sie mir die Wange tätschelte. Wir machen
heute einen Ausflug mit dem Bus.
Als ich mit verschlafenen Augen zu Ihr aufblickte bemerkte ich wie 2 Tränen
Ihren Wangen herab liefen.
Dann, als Sie meine erstaunten Blick bemerkte, wandte Sie Ihre Gesicht schnell
von mir ab, legte die gefalteten Hände vor das Gesicht und flüsterte oh Gott,
oh Gott vergib mir.
Ich ahnte, es war mal wieder so weit.
Gewissheit
hatte ich, als ich den kleinen, alten Koffer vor der Tür stehen sah, der mich
nun schon seit Jahren auf meiner Odyssee begleitete.
Ein seltsames Gefühl von Unruhe und Angst überfiel mich. Dennoch schwieg ich
wie immer in solchen Situationen,
niemals versuchte ich mich dagegen aufzulehnen.
Der Bus brauchte damals etwa 2 Stunden für die 36 KM lange Strecke von Amberg
nach Kallmünz. Dabei verlief die Fahrt Flussabwärts durch die bewaldeten Täler
der Vils die sich in Kallmünz mit der Naab vereinte. In der Schule lernte man
uns später, dass man früher Salz und Eisenerz auf den beiden Flüssen
transportiere.
Es
war Frühjahr und in der Morgensonne erstrahlte gleißend dass gelb
des Löwenzahns und vermischte sich mit dem saftigen Grün der
Uferwiesen.
Dann übermannte mich allmählich eine große Müdigkeit und ich begann
einzuschlafen. In den letzten Sekunden vor dem Einschlafen versuchte ich all
meine Gedanken auf das Gesicht meiner Mutter zu konzentrieren um mich zu
Erinnern, an Ihren liebevollen Blick, welchen ich doch so sehr Vermisste. Aber
die Erinnerung verblasste immer mehr.
Tante
Reta weckte mich nun zum 2. Mal an diesem Tag.
Das
erste was ich von Kallmünz sah, waren hohe, steil aufragende Kalksteinfelsen,
an die sich malerische Häuser schmiegten.
Die
Busfahrt endete damals kurz hinter dem Ortseingang an der Vilsbrücke. Somit
mussten wir den Weg zum Kinderheim quer durch den Ort zu Fuß antreten. Selbst
als damals 5 jähriges Kind war ich bereits von der Schönheit des Ortes
fasziniert. Besonders der mächtige Burgberg hatte es mit angetan. Viele
Hunderte mal, bis in die heutige Zeit würden mich meine Beine diesen imposanten
Berg hinauf tragen. Immer wieder schweifte mein Blick beeindruckt die steilen
Kalksteinfelsen entlang hinauf zu der auf der Spitze befindlichen Burgruine. Das
erste Gebäude, welches mir besonders auffiel war das Haus im Fels. Während für
einige Häuser der Fels nur die Rückwand bildete, war dieses Haus ganz in den
Fels hineingetrieben. Nur die Lindgrün gestrichene Front war aus Stein
gemauert. Auch alle anderen Häuser waren verputzt und pastellfarben gestrichen.
Allein Diese sanften Farben gaben dem Ort bereits ein besonders malerisches
Flair. Was sich durch die vielfältige Farbenpracht der Natur und die besonders
romantischen Gebäude wie Kirche und Rathaus noch verstärkte. Ein wahres Mekka
für Kunstmaler wie Kandinsky, der früher eine Malschule in Kallmünz betrieb.
Der Marktplatz war umgeben von der Kirche dem Rathaus und der alten steinernen
Brücke. Hoch Aufragend, erstrahlte in hellem weiß und gelb die alte schöne
Barock – Kirche St. Sebastian. Vom Rande des Marktplatzes aus warf sie Ihren düsteren
Schatten auf uns. Der Pfarrer des Ortes hasste die Kinder aus den Heimen, waren
es doch zumeist in Sünde gezeugte aufmüpfige Bastarde. Sonntags und
gelegentlich auch vor dem Schulbeginn mussten wir die Messe besuchen. Die befand
sich direkt neben unsere Schule. Wir Kinder mussten überwiegend im stehen an
der Messe teilnehmen und für mich endete dies regelmäßig in einem
Kreislaufzusammenbruch. Dann kam jeweils der Küster angelaufen und versorgte
mich mit Zucker und Melissengeist. Der Pfarrer erklärte meine Kreislaufschwäche
damit, dass ich wohl vom Teufel besessen wäre und fügte hinzu dass man früher
solche Leute auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte.
Viel Jahre später las ich in den Büchern für welche Gräueltaten die kath.
Kirche doch verantwortlich war. All diese gepeinigten Männer, Frauen und gar
auch Kinder, welche die Kirche grausam bei lebendigen Leib verbrannt hatte, was
um Gottes willen hatte dies mit der Geschichte von Jesus zu tun, von dessen
Liebe für die Menschen man uns in der Schule berichtete. Dabei genügte es der
Kirche nicht einmal diese Unschuldigen zu verbrennen, nein die Verurteilten
mussten auch noch die schlimmsten Folterungen über sich ergehen lassen.
Ausgerechnet die kath. Kirche hat sich die schlimmsten Folterwerkzeuge
ausgedacht, die man sich nur vorstellen kann. Selbst Katzen wurden gefoltert und
verbrannt und damit fast ausgerottet was wahrscheinlich die Pest zur folge
hatte, denn durch die Dezimierung der Katzen konnte sich damals die Ratten
ungehindert vermehren und ausbreiten. Welch sadistische und kranke Hirne muss es
da in der Kirche gegeben haben. Manchmal frage ich mich, ob die kath. Kirche
nicht heute noch genauso verfahren würde, gebe man Ihr nur die Macht dazu? Zu
erwähnen wäre auch noch, dass die Kirche ganze Familien ausrottete, nur um in
den Besitz der Reichtümer der Betroffenen zu kommen. Hat die Kirche sich
eigentlich jemals für Ihre Schandtaten entschuldigt oder hat Sie Besitztümer
welche Sie auf verbrecherische Weise erlangt hat, in irgend einer Form dem Volk
zurück gegeben?
Mit Vorliebe ordnete der Pfarrer in Kallmünz den Sünden die entsprechende
Strafe im Fegefeuer zu und versuchte uns Kindern die Qualen der Hölle verständlich
zu machen, die wir für unsere doch ach so schweren Sünden zu verbüßen
hatten. Damit wir Ihm im Beichtstuhl auch ja all unsere Sünden gestanden, hob
er besonders jene Todsünde hervor, die wir begingen, wenn wir Kinder ohne seine
Vergebung die heilige Kommunion empfingen. Nach dieser Todsünde war die Hölle
schier unausweichlich! Viele Jahre plagten mich Alpträume deswegen. Damit die Sünde
vergeben werden konnte musste ein gestohlener Gegenstand wieder zurückgeben
werden, hämmerte er uns ein aber was in aller Welt war zu tun, wenn man Diesen
nicht mehr hatte, wie es auch für mich zutraf. Die Todsünde war unvermeidlich,
denn die Kommunion war für uns Kinder nicht freiwillig, wir mussten teilnehmen.
Obwohl von meiner Mutter bereits evangelisch getauft, wurde ich vom Dorfpfarrer
unmittelbar vor der ersten heiligen Kommunion kurzerhand einfach katholisch
umgetauft.
Gelegentlich bescherte uns die Kirche allerdings auch etwas Taschengeld.
Bei Hochzeiten warf das Ehepaar traditionell Geld unter eine Schar von Kindern
die bereits ab Beginn der Trauung ungeduldig am Ausgang der Kirche wartete. Während
der Bräutigam mit Groschen um sich warf, verteilte die Braut Silbergeld an die
Kinder.
Wir setzten unseren Weg weiter fort und gelangtem zum Marktplatz an dem gerade
der Wochenmarkt statt fand.
Auf dem Markt boten verschiedene Händler Ihre Waren an.
So auch ein Pferdemetzger, welcher für 50 Pfennig heiße Pferdewürstchen in
einer Semmel anbot. Die Würstchen waren nicht homogen, sondern hatten mit
Wasser gefüllte Blasen. Tante Reta erstand für uns 2 der knackigen Würstchen
und als ich genüsslich aber auch vorsichtig in meine noch sehr heiße Wurst
hinein Biss, spritzte das Wasser in dünnen Fontänen weit heraus. Es sollten 4
Jahre vergehen, bis ich zu meiner ersten heiligen Kommunion wieder eines dieser
Würstchen zu essen bekam.
Auf dem Markt befand sich auch das Feinkostgeschäft der Eltern meiner späteren
Schulfreundin Berta. Unsere gegenseitigen Freundschaft und Zuneigung hat bis
heute unverändert angehalten. Zwei bis drei mal im Jahre besuche ich Sie in
Kallmünz und an Ihren Gesten und Blicken erkenne ich jedes Mal wie viel sie
doch für mich empfindet. Eine große, herzliche Freundschaft, welche nun schon
über 50 Jahre andauert.
Über die steinerne Brücke begaben wir uns auf die andere Seite der Naab auf
der sich außer dem Friedhof, einigen Wirtshäusern und Geschäften , die 3
Kinderheime befanden.
Unser Fußweg führte uns weiter zum ersten und größten Kinderheim in Kallmünz,
dem katholischen von Ordensschwestern geführten Kinderheim.
Eine Gruppe von militärisch gedrillten Kindern kamen uns schweigend in
Zweierreihen entgegen. Die Gruppe wurde von mit Riemen und Stöcken bewaffneten
Nonnen begleitet.
Für mich waren das damals aber keinesfalls Dienerinnen Gottes sondern vielmehr
Gehilfen des Satans, denn Ihr Handeln war eher diabolisch. Dort, im kath.
Kinderheim wurde geprügelt bis Blut floss und das Opfer sich nicht mehr rührte.
Ich selbst sollte Jahre später zu einem Ihrer Folteropfer werden.
Im Zentrum des großen Innenhofes des kath. Kinderheimes, der von der Straße
aus frei zugänglich war, befanden sich 3 hohe Kletterstangen aus Eisen. Diese
lockten uns Kinder aus dem Nachbarheim des öfteren um unsere Geschicklichkeit
und Kraft untereinander zu messen.
Das Betreten des Klosters war streng untersagt aber die Nonnen waren zum Glück
in Ihren schwarzen langen Gewändern eher träge und konnten uns bei unsrer
Flucht nicht mehr erreichen. Eines Tages aber ich war alleine auf dem Hof und
befand mich gerade am oberen Ende einer Kletterstange kamen gleich 3 der Nonnen
von verschiedenen Seiten heran. Ich konnte Ihnen bei meinem Entsetzen nicht mehr
rechtzeitig entkommen. Zwei der Nonnen hielten mich an den Armen fest. Ich stand
mit dem Rücken gegen eine der Eisenstangen und sie zerrten von Hinten an meinen
Armen so das ich gegen die Stange gepresst wurde. Die dritte und auch älteste
Nonne hatte eine Art Lederriemen ähnlich einem Gürtel mit dem Sie heftig auf
mich einschlug. Mein labiler Kreislauf kam mir zu Hilfe. Ich bekam einen
Kreislaufkollaps und viel zu Boden. Anschließend brachten mich alle 3 zur
Heimleiterin des Kinderheimes Maria Laßleben die für mich verantwortlich war.
Es wurde eine Strafe für mich ausgehandelt. In den folgenden Tagen musste ich
unter Aufsicht der älteren Nonne jeweils nach der Schule schwerste Steinplatten
schleppen und aufschichten. Nicht ohne mich regelmäßig mit Ihrem Riemen zu
mehr Leistung anzutreiben. Ich bekam bereits am ersten Tag unerträgliche
Magenschmerzen welche auch Nachts nicht nach ließen und wurde von der
Heimleiterin am folgenden Tag zum Arzt geschickt. Dieser vermutete einen
Blindarmdurchbruch ließ mich sofort ins Krankenhaus Burglengenfeld einliefern.
Dort entfernte man sofort den Blinddarm und operierte ebenfalls einen Nabelbruch
dessen Ursache im Hochheben der schweren Steinplatten lag. Mein Vater wurde aber
seltsamerweise nur über die Entfernung des Blindarms unterrichtet. Den
Nabelbruch verschwieg man wohlweislich. Im Burglengenfelder Krankenhaus arbeitet
ebenfalls Nonnen wie im Kinderheim Kallmünz.
Soweit ich mich entsinnen kann lag der einzige Unterschied darin, dass die
Ordensschwestern im Krankenhaus weiße Kleidung trugen. Ansonsten standen Sie in
Gehässigkeit den schwarz gekleideten in nichts nach. So sprach man mich während
des gesamten Aufenthalts nur mit Bastard an. Aber an diesen Namen hatte ich mich
längst gewöhnt. Nach der 2. Operation bekam ich sehr starke Schmerzen an die
ich mich heute noch gut erinnere. Die Schmerzen wurden auch ständig schlimmer.
Wenn ich aber bei den frommen Schwestern über meine Pein klagte gab es nur Schläge
ins Gesicht und man verwies auf die vielen anderen Kinder die nicht klagten
sondern schliefen. Am folgenden Sonntag wurden alle anderen Kinder von Ihren
Eltern besucht. Ich sah wie die Mütter sich besorgt über Ihre Kinder beugten,
Sie sanft streichelten und Ihnen liebevolle Worte zuflüsterten. Da vermisste
ich meine Mutter um so mehr und ich heulte laut vor Trauer, Wut und Hass aber
auch vor Schmerz, denn die Schmerzen waren schier unerträglich geworden. Die
Mutter des Kindes neben mir wurde aufmerksam auf mich und fühlte mit Ihrer Hand
meine Stirn. Sie runzelte die Stirn und Ich konnte am Ausdruck Ihrer Augen
sehen, dass Ihr mein Zustand Sorgen bereitete. Sofort eilte Sie und rief gegen
die Proteste der Nonnen eine Arzt herbei. Dieser tastete meinen Bauch ab und ich
musste bei dem daraus resultierenden stechenden Schmerz laut aufschreien. Auch
dass Fieber wurde gemessen und ergab wohl einen unnatürlich hohen Wert. Die
Blindarmwunde hatte sich entzündet und der Doktor gab seiner Assistentin
Anweisungen. Diese kam nach wenigen Minuten mit einer für mich erschreckend großen
Spritze zurück.
Mehrmals Stach er damit tief in die Wunde und entfernte eine große Menge an
Blut und Eiter. Die Schmerzen ließen nach und auch das Fieber ging allmählich
wieder zurück.
Ich bin heute noch davon überzeugt, die Ordensschwestern wollten mich ganz
bewusst krepieren lassen! Am letzten Tag vor meiner Entlassung kam noch
Walburga, die Schwester der Heimleiterin zu Besuch. Sie drückte mir kurz ein
kleines Brevier von Pater Leppich in die Hand. Ließ dies, sagte Sie
schroff, dass wird in Zukunft den Satan von Dir fernhalten, dann ging Sie
wieder.
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Gegenüber
des Klosters befand sich das Kinderheim Maria Laßleben.
Hier endete unser Fußweg durch Kallmünz. Wir hatten unser Ziel, welches für
die nächsten 8 Jahr meine Heimat sein sollte, erreicht.
Das große Grundstück war von einem Holzlattenzaun umgeben. Auf dem Weg vom
Eingangstor zum Hauptgebäude sahen wir einige Kinder, die in den Beeten des
Gartens Unkraut jäteten. Die kleineren unter ihnen sortierten Steine aus der
Erde und schichteten diese auf angrenzende Haufen am Rande der Beete.
Beaufsichtigt wurden die Kinder von einer Frau. Sie war groß hatte schmale
Lippen und trug am Kopf einen streng nach hinten gebundenen Dutt. Mit beiden Händen
hielt Sie einen Teppichklopfer, ähnlich wie die Herrscher ihre Zepter hielten.
Zur damaligen Zeit wurden damit regelmäßig die Teppiche vom Staub befreit. Im
Sommer hängte man die Teppiche zum Klopfen über eine extra dafür angebrachte
Teppichstange. Im Winter wurden die Teppiche einfach in den Schnee gelegt, um
dann mit viel Kraft auf sie einzudreschen. Allerdings war weder eine
Teppichstange noch irgend ein Teppich in der näheren Umgebung zu sehen. Mir war
schnell klar, wofür Sie diesen Teppichklopfer zweckentfremdete. Als sie uns
sah, legte sie den Klopfer aus der Hand und kam uns entgegen. Sie stellte sich
als Tante Maria vor und wies mir einen Platz auf einer Holzbank hinter dem Haus
zu. Hier standen 5 Tische mit Sitzbänken an jeweils beiden Längsseiten. Es war
der Platz, an dem wir in der warmen Jahreszeit unsere Mahlzeiten einnahmen. Ich
nahm gehorsam Platz und beobachtete aufmerksam die Kinder, die neugierig zu mir
herüber schielten, ohne aber ihre Arbeit zu unterbrechen. Tante Reta ging mit
Maria ins Haus. Während ich alleine im Garten mit meinem Köfferchen auf dem
Schoß saß und wartete, begriff ich dass man mich nun endgültig abgeschoben
hatte. Hatte ich doch gerade erst
begonnen mich bei Tante Reta Wohlzufühlen. Sie war eine fürsorgliche Frau mit
einem eigenen Haus, einem Garten und Hühnern darin. So breitete Sie vor dem wöchentlichen
Baden die frische Unterwäsche über der Heizung aus, damit diese sich nach dem
Verlassen des Waschbottichs auch angenehm mollig und warm auf dem Körper anfühlte.
Bis zum heutigen Tag ist mir die morgendliche große Tasse Carokaffee in welche
die Semmel getunkt wurde in
bleibender Erinnerung.
Immer mehr überkam mich Trauer aber auch Wut und Hass. Als diese Gefühle
überhand nahmen, schrie ich mir mit einem kurzen aber lauten Aufschrei den
Kummer von der Seele, dann schluchzte ich nur noch resignierend bis man mich
nach etwa 20 Minuten abholte. Man legte mich in ein Gitterbett dass eigentlich für
Kleinkinder gedacht war. Ich weinte noch lange an diesem Nachmittag ehe ich von
Tränen erschöpft einschlief.
Als ich Stunden später wach wurde dämmerte es bereits. Ich stand auf,
kletterte aus dem Bett und verlies das Haus um mich auf die Suche nach Tante
Reta zu machen. Diese aber, war ohne Abschied längst wieder abgereist.
Ich wollte mich gerade auf den Weg zur
Bushaltestelle machen, da kam die Heimleiterin mit forschem Schritt und strengem
Gesichtsausdruck auf mich zu und streckte mir Ihre Hand entgegen.
Von ihr ging nur eisige Kälte aus. Da war nichts Vertrautes, wie ich es doch
noch von Tante Reta kannte, kein freundliches lächeln, nie kamen irgendwelche
lieben oder tröstende Worte über Ihre Lippen wo es doch ständig so
unendlich viele Tränen um sie herum gab. Nicht die geringste Wärme brachte sie
den ihr in Obhut anvertrauten Kindern entgegen. Geborgenheit, Liebe oder
Mitgefühl suchte man bei ihr vergebens. Da gab es nur Befehle und Anordnungen.
Die Kinder heulten als Sie kamen, Sie heulten wenn Sie wieder gingen und
besonders heulten Sie in den Nächten. Unvergessen! Abends, wenn wir im
Schlafzimmer in den Betten waren, hörte man von allen Seiten das Schluchzen,
das unter den Kopfkissen hervordrang in welche Sie Ihre traurigen Gesichter
vergruben. Nie wieder habe ich so viel Traurigkeit gesehen wie in den Antlitzen
dieser gepeinigten und von ihren Eltern verlassenen Kinder. Da war niemand der
Ihnen Trost zusprach oder Ihre Tränen zu trocknen vermochte. So verwunderte es
mich dann auch nicht sonderlich, als ich sehr viel später von Selbstmorden der
Verstoßenen hörte.
An
dieser Stelle möchte ich den Brief eines Heimkindes einfügen den ich 50 Jahre
später erhielt. Trotz der vielen Jahre hatte Helga Ihren Schmerz noch immer
nicht überwunden.
Auszug aus Brief von Helga:
Hallo Norbert,
kann mich leider immer noch nicht an Namen erinnern. Der einzige ist nach wie
vor Gaby, und bei dem bin ich mir nicht mal sicher ob ich mir den nicht nur
einbilde, weil es in meiner Erinnerung jemand war dem ich mein Kummer erzählt
habe, aber für mich auch kein Gesicht hat, so wie alle anderen. ich erinnere
mich lediglich dass es sich überwiegend um kleinere Kinder gehandelt hat, die jünger
als ich waren(ich war 8/9 Jahre). Und daran wie schrecklich es für mich war,
Zuschauer von Gewalt an kleinen Kindern gewesen zu sein. Selbst die Anwesenheit
meiner Schwester hatte ich ausgeblendet, was jetzt erst stückweise zurück
kehrt. Es waren übrigens so viele Berliner weil das Heim aus irgend einen Grund
einen guten Ruf hatte und wohl zu den preiswerteren gehörte. Tatsächlich war
es aber auch recht, dass es so weit war, dass die Verwandten nicht hinreisten
und störten. Die öffentliche Heimpädagogik vertrat damals die Meinung dass
die Kinder im Kinderheim nicht durch Elternbesuche irritiert werden sollten. Wir
sind von unseren Eltern besucht worden und meine Mutter erzählte später immer
wieder, dass die Zustände die sie da antrafen, so schlimm waren, dass sie das
dem Amt gemeldet hatten. Angeblich soll es dazu geführt haben, dass von meinem
Bezirk(Tiergarten) keine Kinder mehr hingeschickt wurden.
Ich bin froh dass ich später als Du und nicht so lange da war. Mein Leben war
zwar trotzdem nicht einfach, ständiger Terror zu Hause bis wir zur nächsten
Scheidung wieder im Heim(in Berlin in einem Nonnenkloster) landeten. Meine
Schwester hat sich mit 20 das Leben genommen, ich hab dann aber zum Glück noch
irgendwie die Kurve bekommen. Aber viele Jahre und zu Deiner Zeit in dem Heim
muss echt die Härte gewesen sein. Also ich hoffe Du hast jetzt ein besseres
Leben und kannst es genießen.
liebe Grüße aus Werde
Helga
Vor dem Krieg betrieb Frau Laßleben in ihrem Haus eine kleine Weberei. Die
Webstühle wurden von den Besatzungsmächten, womit ich die Amis meine,
beschlagnahmt und etwas später abtransportiert. Zurück blieb das leere Haus.
Frau Laßleben fasste den Entschluss, zum zukünftigen Gelderwerb eine
Kinderheim zu gründen. Kinderheime waren wohl sehr gefragt damals, der Krieg
hatte ja genügend Waisenkinder hinterlassen und zerrüttete Ehen die vernachlässigte
Kinder hinterließen gab es damals wie heute. Die meisten Kinder waren bereits
psychisch gestört bevor sie ins Heim kamen. Was haben die Jugendämter sich
damals eigentlich gedacht, als Sie die Kinder in die Verantwortung der Frau Laßleben
übergaben? Wie um Gottes Willen sollte eine Frau die niemals auch nur die
geringste Ausbildung zur Erziehung von Kindern genossen hat, ja noch nicht
einmal selbst irgendwelche Erfahrungen als Mutter gesammelt hat, diesen Kindern
den Weg ins Leben bereiten.
Nicht dass man nun glauben könnte, Maria wollte mir die Hand reichen, nein Sie
streckte ihre Hand nur aus, um mich schmerzhaft an den Ohrlappen zu ergreifen,
so dann dirigierte durch ziehen und drücken den Weg, den ich zu gehen hatte.
Auf der ersten Etage gab es neben der Treppe ein Schlafzimmer für Mädchen und
am anderen Ende des Flures eines für Jungen. Dazwischen war die Treppe zum
Speicher und die Toilette. Wir betraten gemeinsam das Schlafzimmer und sie wies
mir mein Bett zu. Im Jungenschlafzimmer standen 5 Betten aus Stahlrohren. Auf
den Betten lagen mit gehäckseltem Stroh gefüllte Jutesäcke. Und eine
zusammengefaltete graue Filzdecke. Jede Nacht sammelte sich unter jedem Bett
eine gute Hand voll Staub aus zerriebenen Stroh, dass durch den Jutesack
rieselte. Außer den Betten gab es kein weiteres Mobiliar im Schlafzimmer. Auch
die Wände waren kahl bis auf ein kleines Holzkreuz mit der Christusfigur, dass
über der Tür angebracht war. Im Schlafzimmer befanden sich drei Fenster zwei
zum Giebel des Hauses mit Blick auf das Eingangstor und dem weiter dahinter
liegendem katholischem Klosterkinderheim. Eines der Fenster befand sich in der
Dachschräge und bot einen malerischen Panoramablick auf das historische Kallmünz
in dessen Zentrum sich der mächtige Burgfels mit der Ruine befand.
An diesem Fenster verbrachte ich in den folgenden Jahren etliche Abende, oft bis
tief in die Nacht. Das Bild hat sich bis heute fest in mein Gehirn eingebrannt.
Ganz besonders eindrucksvoll war der Ausblick in Nächten mit starken Gewittern,
wenn peitschende Blitze die Burgruine für Sekunden hell erleuchteten. In den
unendlich vielen Stunden die ich an diesem Fenster im Lauf der Jahre verbrachte,
baute ich mir meine eigene Traumwelt eines besseren Lebens mit liebevollen
Eltern und allem was zu einer glücklichen Familie gehörte auf. Ich glaube
heute, dass mir diese Tagträume geholfen haben diese schwere Zeit einigermaßen
schadlos zu überstehen.
Vor dem Abendessen stellte Tante Maria mich dann noch den anderen Kinder vor.
Für die kalte Jahreszeit gab es im Erdgeschoss links neben der großen Küche
einen Raum in dem das Abendessen eingenommen wurde.
In der Küche stand ein große alter Kachelofen über den das ganze Haus beheizt
wurde.
Rechts neben der Küche befanden sich die Privaträume von Frau Laßleben.
Niemals kam eines der Kinder in die Räume der Heimleiterin aber die Neugier war
groß.
Eines Abends, die Heimleiterin hatte vergessen die Tür zu Ihren Privaträumen
zu verschließen, schlich ich mich neugierig in Ihr Zimmer. Rechts neben der Tür
hing unterhalb eines hölzernen Kreuzes, ein kleines Weihwasserkesselchen hinter
dem ein kleines Sträußchen vertrockneter Zweige steckte.
Unmittelbar daneben hing der Teppichklopfer. Ein Teppich war damit sicher noch
nie geklopft worden. Der obere Teil des Teppichklopfers war so Blutverschmiert,
dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Ich kam gar nicht dazu, mich etwas
umzusehen, da hörte ich Tante Maria auch schon kommen. Zum Glück fand ich ein
kleines Versteck hinter dem Sofa wo ich zusammengekauert und ängstlich sehr
lange verhaarte. Ich wagte kaum zu atmen. Kurz bevor Sie Ihren angrenzenden
Schlafraum betrat und ich mich wieder rausschleichen konnte, öffnete Sie Ihren
mächtigen Dutt und bürstete Ihr Haar. Noch nie hatte ich so langes Haar
gesehen!
Es reichte bis zu den Kniekehlen. Es war das einzige mal, dass ich sie ohne
ihren Dutt sah.
An diesem ersten Abend im Heim, gab es wie auch in den folgenden nächsten
Jahren die Reste vom Mittagessen. In der Regel war dies in den ersten Jahren im
stetigen täglichen Wechsel Griesbrei oder Reisbrei. Gelegentlich, für meinen
Geschmack leider viel zu selten kamen auch mal Nudeln auf den Tisch. Ein
riesiger Topf voll Maccaroni mit kleinen zerschmolzenen Käsestückchen darin.
Oft stellte ich mich gleich 3 mal für einen Teller Nudeln an, in der Hoffnung
eine Portion zu erhaschen, in der sich auch wirklich ein kleines Stück Käse
befand, denn ich liebte diese Käsenudeln waren sie doch eine willkommene
Abwechslung.
Zu Griesbrei und Reisbrei gab es mitunter als Beilage eingemachte Beeren, welche
wir Kinder selbst in den umliegenden Wälder und Wiesen gesammelt haben.
Gesammelt wurde alles, was die Natur hergab, wie Holunder, Blaubeeren,
Hagebutten und vieles mehr. Im Herbst sammelten wir in großen Mengen Pilze.
Zum Frühstück gab es regelmäßig Griessuppe mit einer Scheibe Brot.
Dazu wurde Gries in einem Topf etwas angeröstet bis er eine hellbraune Färbung
hatte. Dann wurde Brühe darüber gegossen und das Ganze einige Minuten gekocht.
Fertig war das Frühstück. Es waren tatsächlich schwere Zeiten zur damaligen
Zeit.
Diese unbeschreiblich Vielfalt an Lebensmitteln die uns heute angeboten werden
gab es nicht. Trotzdem mach ich mir gelegentlich heute noch diese gebrannte
Griessuppe. Allerdings röste ich den Gries heute mit etwas Butterschmalz und
einer klein geschnittenen Zwiebel an, benutze zum Aufgießen eine kräftige
Rindfleischbrühe und obenauf kommt zum krönenden Abschluss noch etwas frischer
Schnittlauch. Dazu esse ich gerne ein frisches knuspriges Graubrot mit guter
Butter.
Süßen Griesbrei und Reisbrei, den es fast jeden Mittag gab, habe ich seit der
Zeit nie wieder gegessen. Bis heute ist mir jede Art von Brei zuwider! Fleisch
gab es nur Weihnachten und Ostern. In späteren Jahren, wurde das Essen etwas
abwechslungsreicher. Es gab dann auch öfter mal Kartoffeln oder sogar Knödel.
Nach
dem Essen befahl mich Maria in den Waschraum. Unterwegs versuchte mich
auszufragen über Vater Mutter usw. aber ich senkte mein Haupt starrte die
Kacheln auf dem Fußboden an und blieb ihr alle Antworten schuldig. Im Waschraum
angekommen musste ich alle Taschen meiner Lederhose leeren. Der Inhalt, ein paar
Groschen und ein kleines Taschenmesser wurde konfisziert. Anschließend wurde
ich komplett entkleidet und bekam ein Nachthemd übergezogen. Meine Kleidung,
sowie die Wäsche aus meinem Köfferchen wurden einem älteren Mädchen übergeben.
Diese musste Wäschenummern, für mich die Zahl "44" in jedes
Kleidungsstück einnähen.
Die Schule
Nach dem Frühstück wurden die Schulbrote verteilt und wir machten uns
sofort auf den Fußweg quer durch das Dorf über die Naabbrücke und den
Marktplatz an der Kirche vorbei zum Schloss Raitenbuch in welchem die Schule
untergebracht war.
Diese befand sich direkt neben der Kirche. Der am hinteren Eingang befindliche
Schulhof war eingekesselt zwischen den hohen Mauern des Schlosses und den
steilen, doppelt so hohen Kalksteinfelsen.
Die Schulbrote waren entweder nur mit Marmelade oder nur mit Margarine
bestrichen. Beides zusammen gab es aber nie.
Dem Anblick der dicken Wurstsemmeln einiger Mitschüler aus dem Dorf konnte ich
gelegentlich einfach nicht widerstehen und so ergab es sich gelegentlich, dass
eines dieser Brötchen von mir entwendet und genüsslich verspeist wurde. Ich
garantiere aber, dass weiß Gott keiner der Geschädigten wegen meines
Mundraubes verhungern musste. Alle Schulkinder aus dem Dorf bekamen in der großen
Pause ein Fläschchen mit Milch oder Kakao. Nicht aber wir Heimkinder. So musste
ich dann und wann vor der Pause die Toilette aufsuchen um in den Besitz eines
solchen Fläschchen zu kommen. Der
Weg zur Toilette führte mich somit über den Hof auf dem die vollen Milchkästen
angeliefert wurden. Auf dem Rückweg zum Klassenzimmer habe ich selbstverständlich
das leere Fläschchen ordentlich in den Kasten zurück gestellt und somit die
entstandene Lücke wieder geschlossen. In den ehemaligen Klassenzimmern kann man
heutzutage fein Speisen. Tief im natürlich entstandenen Felsengewölbe wird der
dort kredenzte Wein gelagert. An dieser Felshöhle vorbei führt ein steiler
Weg hinab zur ehemaligen Hausmeisterwohnung. Die drei kleinen Zimmer
wurden in eine urgemütliche Kneipe mit alten Bildern und Trödel an den Wänden
umgewandelt. Aus dem ehemaligen
Schulhof wurde indes ein rustikaler Biergarten, sicher einer der schönsten der
Oberpfalz. Dort genießen Einheimische und Besucher gemeinsam an heißen
Sommertagen selbstgebrautes Zeugl Bier vom Luber Wirt.
.....
Gewalt
oder Antiautoritäre Erziehung
Zwei
Betten rechts von mir hatte Robert seinen Schlafplatz. Er war Bettnässer.
Es ist einfach unvorstellbar was Grausames diesem armen Jungen angetan wurde.
Nach dem morgendlichen Wecken kontrollierte Maria mit ihrem Teppichklopfer
bewaffnet bei allen Bettnässern die Leintücher. Robert passierte diese
Missgeschick fast jede Nacht. Sein kleiner Kinderpopo, ich glaube Robert war
etwa 9 Jahre alt bestand nur noch
aus unverheilten Wunden. War das Lacken nass, umklammerte sie den Klopfer fest
mit beiden Händen, dann drosch sie, weit ausholend mit aller Kraft auf den vor
Schmerzen schreienden Jungen ein. Ihr vor Wut verzerrtes, hochrotes Gesicht und
seine Schreie haben mich noch sehr lange in meinen Träumen verfolgt.
Wie vieles andere auch.
Als sie feststellte, das ihre Schläge alleine keine Wirkung erzielten, wurde
Robert von ihr im vom Urin durchnässten Schlafanzug und mit dem bepissten
Leintuch über den Schultern durchs Dorf gejagt.
Man hört heute gelegentlich andere Schuldige sagen, Schläge wären damals die
übliche Erziehungsmethode gewesen. Das waren aber nicht einfach nur Schläge,
das war Folter.
Für Robert jedenfalls war dass alles zuviel der Grausamkeiten. Auch er, hat später
Selbstmord begangen, wie mir seine Schwester Regina vor Jahren schrieb.
Maria hatte offensichtlich keine Ahnung was sie mit ihrer autoritären Erziehung
anrichtete. Sie glaubte tatsächlich er würde absichtlich ins Bett pissen.
Niemals kam ihr der Gedanke der Junge könnte psychisch krank sein. Oder doch?
Hatte sie eventuell sogar Freude daran ihre Schützlinge zu Quälen. Ich weiß
es nicht. Ich hätte ihr gerne so manche Frage gestellt, als ich Jahrzehnte später
wieder nach Kallmünz kam aber sie war bereits verstorben. Ein eisernes Kreuz
schmückt nun ihr einsames Grab in dem sie ganz alleine auf ihr Urteil wartet.
Ein
kleines Mädchen war entlaufen, Sie war vielleicht 4 oder 5 Jahre alt. Ständig
liefen irgendwelche Kinder weg. Ich denke, jedes der Kinder hat irgendwann mal
versucht diesem Gefängnis zu entfliehen. Als das Mädchen auch spät am Abend
nicht zurückkam mussten die älteren Kinder nach Ihr suchen. Ich fand Sie
schlafend auf einem Stoppelfeld. Sie murmelte etwas vor sich hin, Sie träumte
wohl? Hinter dem Feld begann eine
Wiese mit kleine Bäumen und Sträuchern die wiederum an steil abfallende Felsen
grenzten. Das hätte sehr schlimm ausgehen können. Nachdem ich kurz den anderen
zurief, dass ich Sie gefunden hatte, schüttelte ich Sie sanft bis Sie aus Ihren
Träumen erwachte. Sie stand auf, umarmte mich und sprach: Bring mich zu meinem
Papa, ich will zu meinem Papa. Ein leises wimmern folgte. In nächsten
Augenblick stürzte Sie seitlich zum Boden wo Sie stumm liegen blieb. Die kräftige
Hand der Heimleiterin hatte Sie mit aller Wucht im Gesicht getroffen.
In
den frühen Jahren im Heim waren Prügel die einzige angewendete
Erziehungsmethode. Jahre später erwarb Tante Maria ein Schwarz-Weiß-Fernsehgerät.
Sehr Stolz erzählte sie uns immer wieder von diesem technischen
Wunderwerk mit dem man Bilder aus der ganzen Welt sehen konnte.
Allerdings gewährte Sie uns keine Einblick in diese neu Technik. Eines Tages
jedoch erlaubte Sie uns an ihrem Fernsehgenuss zumindest zeitweise Teil zu
haben. Zur damaligen Zeit gab es eine Sendereihe mit dem Namen "Abenteuer
unter Wasser". Sie hatte sich entschieden, diese Sendung mit uns gemeinsam
anzusehen. Es gab aber ein
Bedingung. Vor der Sendung musste ein jeder einige Aufgaben aus dem Ein mal Eins
lösen. Nur wer alle Fragen richtig beantworten konnte durfte an dem
Fernsehgenuss teilhaben. Dies war das erste mal, das Tante Maria antiautoritäre
Erziehung praktizierte. Auch gab es eine neue Anordnung. Wer nicht rechtzeitig
zu den Mahlzeiten kam, erhielt statt der üblichen Ohrfeige als angemessene
Bestrafung nun eine Scheibe trockenes Brot und dazu ein Glas Wasser.
Zur selben Zeit wurde Maria bei der täglich anfallenden Arbeit durch junge
Frauen unterstützt. Eine davon hatte wohl besonderen Gefallen an mir. Immer
wenn sich ihr eine Gelegenheit bot in der sie unbeobachtet war, küsste sie mich
auf den Mund. Es gefiel mir schon außerordentlich, wenn Ihre warmen weichen
Lippen die meinen berührten. Dabei streichelte sie gleichzeitig sanft meinen Rücken,
was ich ebenfalls als durchaus angenehm empfand, war es doch die einzige
Zuneigung die mir in dieser Zeit zuteil wurde. Da ich keinerlei Abwehr gegen
ihre Art der Zuneigung zeigte, ging sie schon bald noch einen Schritt weiter.
Weit unten im Garten, am Rande des Grundstückes stand ein kleines Holzhaus,
welches im Erdgeschoss aus nur einem einzigen Raum, der Tische und Stühle
beherbergte bestand. Dort wurden in den Sommermonaten bei schlechter Witterung
die Schulaufgaben und andere Hausarbeiten wie Strümpfe stopfen und ähnliches
erledigt. In der hinteren linken Ecke führte eine kleine Treppe zum Speicher
des Schuppens. Dieser war so niedrig, dass ein Erwachsener kaum aufrecht stehen
konnte. Auf dem Dachboden lagerten Decken, Matratzen sowie große Haufen alter
Kleidung. Dort hinauf lockte mich das schöne Mädchen. Dabei bezauberte sie
mich mit einem freundlichen Lächeln welches ihre roten, wunderschönen Lippen für
mich formten. Zugleich strahlten ihre glanzvollen Augen mich erwartungsvoll an.
Als wollte sie sagen, keine Angst mein kleiner Freund. Dann erfasste sie mit
ihrer linken Hand behutsam meinen Arm, während sie mit ihrer Rechten, zärtlich
meine Wange streichelte. So zog sie mich langsam zu sich und weiter die Treppe
hinauf. Oben angekommen berührten mich ihre Lippen, ganz sanft, so wie sie es
schon so oft getan hatte.
Es gab ein einziges winziges Fenster in der Giebelseite des Speichers durch das
nur wenig Licht herein schien. Es war Sommer und extrem heiß auf dem engen
Dachboden. Leicht gebückt streifte sie ihr dünnes leichtes Sommerkleid ab.
Einen Büstenhalter trug sie damals nicht. Neugierig betrachtete ich ihre eher
kleinen aber wohlgeformten Brüste, während sie ganz beiläufig, auch
noch das Höschen ihre Beine hinunter fallen ließ.
Mich überkam großes
Verlangen ihre Brüste zu berühren, wagte dies aber nicht. Sie hatte mir den
Wunsch wohl von den Augen abgelesen und führte meine Hand zu ihre Brust. Während
ich äußerst behutsam ihre Brüste abtastete zog sie mich ganz nebenbei aus.
Dann
geschah was immer in solchen Situationen geschah, geschehen musste.
Besonders
betonen möchte ich, egal was auch immer dort oben in diesem Liebesnest geschah,
sie hat mir aus meiner Sicht nie die geringste Gewalt angetan. Nichts geschah
gegen meinen Willen im Gegenteil, ich genoss ihr Handeln und sehnte mich immer
wieder erneut nach einem Zusammensein mit ihr, ihren Lippen und auch nach ihrem
warmen weichen Körper. Es blieb nicht bei diesem einen Mal.
Sie
war nur eine sehr kurze Zeit zur Aushilfe in dem Heim. Ich weiß nicht woher sie
kam und wohin sie ging. Als sie das Heim eines Tages verließ hatte sie Tränen
in den Augen, die traurig aber fest in die Meinen blickten, während sie sich
mit leiser Stimme von mir verabschiedete. Leb wohl mein kleiner Freund, hauchte
sie mir ins Ohr wobei mich ihre Lippen zum letzten Mal sanft berührten. Das
blieben ihre einzigen Worte. Als sie auf dem Weg zum Tor davon schritt,
weinte ich ebenfalls, denn ich vermisste sie doch ach so sehr.
Später
gab es aber auch bösartige Übergriffe von Männern die mir in schrecklicher
Erinnerung blieben und über die ich kam zu sprechen oder schreiben vermag.
Es kam vor, das die Jungen Abends leise ins Schlafzimmer
der Mädchen schlichen, umgekehrt kamen einige Mädchen ins Schlafzimmer zu den
Jungen. Angefangen mit einer ersten zaghaften Liebschaft unter den Kindern hatte
Joachim, dessen Bett links neben dem meinem stand. Joachim wurde nur Scholty
genannt, abgeleitet von seinem Nachnamen. Seine kleine Freundin Gisela hatte den
Rufnamen Gilla. Beide kamen aus Berlin, Joachim aus Lichterfelde, Gilla wohnte
später als junge Frau in Wedding. Gilla war ganz außergewöhnlich hübsch und
hatte als einziges der Mädchen schon Brüste. Ihr langes Haar war zu eine
Pferdeschwanz gebunden. Alle Jungen begehrten sie, auch ich. Zu Gilla hatte ich
lange über die Heimzeit hinaus noch Briefkontakt. Joachim und Gisela waren die
ältesten Kinder zu dieser Zeit. Wir jüngeren eiferten den beiden schon bald
nach und auch wir besuchten uns regelmäßig. Wir
schmiegten uns aneinander, schmusten und streichelten uns gegenseitig.
Unter uns Kindern ist über Küsse und Liebkosungen hinaus nichts weiter
passiert. Sicher waren es für
manche Jungen und Mädchen die einzigen Streicheleinheiten die sie bis dahin je
erhalten hatten.
Die Kinder im Heim wurden für verschiedene Arbeiten
eingeteilt. Bei den Jungs waren das in der Regel Gartenarbeiten. Zu gewissen
Zeiten arbeiteten wir auch auf den Feldern bei Bauern aus dem Dorf. Dies war
aber durchaus üblich zur damaligen Zeit. Abends nach der Arbeit gab es bei den
Bauern zur Belohnung etwas gutes zu essen. Eine begehrte Abwechslung zum
gewohnten täglichen Brei.
Rolf,
einer der Jungs aus dem Heim, hatte die morgendliche Aufgabe den großen
Kachelofen in der Küche anzuheizen. Im Februar 1960 fasste er vermutlich
den schicksalsschweren Entschluss den Ofen in die Luft zu sprengen. Während
dem zu dieser Zeit stattfindenden Manöver
"Winterschild" des Nordatlantikpaktes in der Oberpfalz und somit auch
in Kallmünz. Massenhaft lagen Kunststoffpatronen der von den amerikanischen
Soldaten verwendeten Manövermunition in der Umgebung von Kallmünz herum. Viele
davon waren Blindgänger in denen sich noch das Schwarzpulver befand. Wir warfen
diese gerne ins Feuer und warteten dann gespannt auf den Knall. Rolf schnitt die
Patronen mit einem Messer auf und sammelte das Pulver in einem Schuhkarton. Als
er seiner Meinung nach genügend zusammen hatte, schob er den ganzen Kartone
samt dem Pulver in den Küchenofen und zündete den Karton an. Was er genau
damit bezweckte, haben wir allerdings nie erfahren. Statt zu einer Explosion gab
es aber nur eine riesige Stichflamme bei der er Verbrennungen im Gesicht davon
trug. Nachdem der Krankenwagen mit ihm davon gefahren war, haben wir nie wieder
von ihm gehört. Ich vermute, dass er wie auch andere Jungs vor ihm in einem
Erziehungsheim untergebracht wurde.
Prolog
Für Marlies
Die Liebe ist wie ein Baum, geboren aus unserem Herzen, wächst Sie langsam in
uns heran und breitet ihr feines Geflecht von Wurzeln weit bis in die
entferntesten Winkel unseres Körpers aus. So ergibt es sich, dass wir die Liebe
im Augenblick höchsten Glücks mit jeder Faser unseres Körpers spüren.
Schließlich verankert Sie sich fest in unseren Gedanken um letztlich selbst in
die intimsten Bereiche unseres Geistes vor zu dringen und diese in Besitz zu
nehmen.
Hatte der Baum der Liebe genügend Zeit zur vollen Reife heranzuwachsen, wird er
Früchte tragen und in deren Samen die Erinnerung an diese Liebe wie
einen Schatz hüten.
***
Das Schicksal aber, hatte es anders vorgesehen.
Das Ende war bereits vorgegeben.
Von Anfang an.
Geprägt durch das Martyrium der geraubten Kindheit
Erbarmungslos und unausweichlich.
Trotz inniger Liebe.
***
Dann, Jahrzehnte sind
vergangen, hast Du mich wieder gefunden.
Augenpaare, dass eine groß und Rehbraun sehen sich einander an.
Vertraute Hände berühren sich.
Liebe Worte dringen an mein Ohr.
Plötzlich war es wieder da, dieses längst vergessene Gefühl.
Warm durchströmte es meinen Körper, erfüllte ihn mit Glück und Wohlbehagen.
Aber, da ist auch etwas anderes, dunkles.
Ein flaues Gefühl im Bauch, Herzklopfen, die Brust scheint plötzlich zu eng
geraten.
Es ist Angst, die Angst die in
mir innewohnt
Was soll ich nur tun?
Du selbst hast mir die Lösung
mit Deinen Worten gegeben.
So will ich denn Dein Schutzengel sein, für eine gewisse Zeit.