Home Inhalt

Entwurf

Entwurf
Schnipsel
Bearbeitet
Fotos
Fotos vom Heim
Fotos nach dem Heim
Weitere Fotos
Emails Heimkinder
Briefe von Renate
Cover
Links

 

  Ankunft in Kallmünz

 "Komm, steh auf", sagte Tante Reta, wobei Sie mir die Wange tätschelte. "Wir machen heute einen Ausflug mit dem Bus."
 Als ich mit verschlafenen Augen zu Ihr aufblickte, sah ich, wie Tränen an ihren Wangen herabliefen. Sie bemerkte meinen erstaunten Blick, wandte sie sich schnell von mir ab, legte die gefalteten Hände vor das Gesicht und flüsterte: "Oh Gott, oh Gott, vergib mir."

 Ich ahnte, es war wieder einmal so weit. Gewissheit hatte ich, als ich den kleinen, alten Koffer vor der Tür stehen sah, der mich nun schon seit Jahren auf meiner Odyssee begleitete. Ein Gefühl von Unruhe und Angst überfiel mich. Dennoch schwieg ich, wie immer in solchen Situationen. Niemals versuchte ich mich dagegen aufzulehnen.

Der Bus brauchte damals etwa 2 Stunden für die 36 KM lange Strecke von Amberg nach Kallmünz. Dabei verlief die Fahrt Flussabwärts durch die bewaldeten Täler der Vils die sich in Kallmünz mit der Naab vereinte. In der Schule lernten wir später, dass in früheren Jahren Salz und Eisenerz auf den beiden Flüssen transportiert wurde.

Es war Frühling, und in der Morgensonne erstrahlte gleißend das Gelb des Löwenzahns und vermischte sich mit dem saftigen Grün der Uferwiesen. Allmählich übermannte mich eine große Müdigkeit, und ich begann einzuschlafen. In den letzten Sekunden davor versuchte ich, all meine Gedanken auf das Gesicht meiner Mutter zu konzentrieren, um mich an ihren liebevollen Blick zu erinnern, den ich doch so sehr vermisste. Aber die Erinnerung verblasste immer mehr.

Tante Reta weckte mich zum zweiten Mal an diesem Tag. Das Erste, was ich von Kallmünz sah, waren hohe, steil aufragende Kalksteinfelsen, an die sich malerische Häuser schmiegten.

Die Busfahrt endete damals kurz hinter dem Ortseingang an der Vilsbrücke. Somit mussten wir den Weg zum Kinderheim quer durch den Ort zu Fuß antreten. Selbst als damals 5 jähriges Kind war ich bereits von der Schönheit des Ortes fasziniert. Besonders der mächtige Burgberg hatte es mir angetan. Viele Hunderte Male, bis in die heutige Zeit würden mich meine Beine diesen imposanten Berg hinauf tragen.

Immer wieder schweifte mein Blick beeindruckt die steilen Kalksteinfelsen entlang hinauf zu der Burgruine auf deren Spitze. Das erste Gebäude, welches mir besonders auffiel war das Haus im Fels. Während für einige Häuser der Fels nur die Rückwand bildete, war dieses Haus ganz in den Fels hineingetrieben. Nur die lindgrün gestrichene Front war aus Stein gemauert. Auch alle anderen Häuser waren verputzt und pastellfarben gestrichen.

Allein diese sanften Farben gaben dem Ort bereits ein besonders malerisches Flair, was sich durch die vielfältige Farbenpracht der Natur und die besonders romantischen Gebäude wie Kirche und Rathaus noch verstärkte. Ein wahres Mekka für Kunstmaler wie Kandinsky, der früher eine Malschule in Kallmünz betrieb.

Der Marktplatz war umgeben von der Kirche, dem Rathaus und der alten steinernen Brücke. Hoch aufragend, erstrahlte in hellem weiß und gelb die alte schöne Barock-Kirche St. Sebastian. Vom Rande des Marktplatzes aus warf sie Ihren düsteren Schatten auf uns.

Der Pfarrer des Ortes hasste die Kinder aus den Heimen, waren es doch zumeist in Sünde gezeugte, aufmüpfige Bastarde. Sonntags und gelegentlich auch vor dem Schulbeginn mussten wir die Messe besuchen. Die Kapelle befand sich direkt neben unsere Schule. Wir Kinder mussten überwiegend im Stehen an der Messe teilnehmen, und für mich endete dies regelmäßig in einem Kreislaufzusammenbruch. Dann kam jeweils der Küster angelaufen und versorgte mich mit Zucker und Melissengeist. Der Pfarrer erklärte meine Kreislaufschwäche damit, dass ich wohl vom Teufel besessen sei, und er fügte in der Regel hinzu, dass man früher solche Leute auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte.

Viele Jahre später las ich darüber, für welche Gräueltaten die katholische Kirche doch verantwortlich war. All diese gepeinigten Männer, Frauen und sogar Kinder, welche die Kirche grausam bei lebendigem Leib verbrannt hatte. Was um Gottes Willen hatte dies mit der Geschichte von Jesus Christus zu tun, von dessen Liebe für die Menschen man uns in Schule und Kirche berichtete? Dabei genügte es der Kirche nicht einmal diese Unschuldigen zu verbrennen, nein die Verurteilten mussten auch noch die schlimmsten Folterungen über sich ergehen lassen.

Ausgerechnet die katholische Kirche hat sich die schlimmsten Folterwerkzeuge ausgedacht, die man sich nur vorstellen kann. Selbst Katzen wurden gefoltert und verbrannt und damit fast ausgerottet, was wahrscheinlich die Pest zur Folge hatte, denn durch die Dezimierung der Katzen konnten sich damals die Ratten ungehindert vermehren und ausbreiten. Welch sadistische und kranke Hirne muss es da in der Kirche gegeben haben?

Manchmal frage ich mich, ob die katholische Kirche nicht heute noch genauso verfahren würde, gäbe man ihr nur die Macht dazu?

Zu erwähnen wäre auch noch, dass die Kirche ganze Familien ausrottete, nur um in den Besitz der Reichtümer der Betroffenen zu kommen. Hat die Kirche sich eigentlich jemals für Ihre Schandtaten entschuldigt oder hat Sie Besitztümer welche Sie auf verbrecherische Weise erlangt hat, in irgendeiner Form dem Volk zurückgegeben?

Mit Vorliebe ordnete der Pfarrer in Kallmünz den Sünden die entsprechende Strafe im Fegefeuer zu und versuchte, uns Kindern die Qualen der Hölle verständlich zu machen, die wir für unsere doch ach so schweren Sünden zu verbüßen hatten. Damit wir Ihm im Beichtstuhl auch ja all unsere Sünden gestanden, hob er besonders jene Todsünde hervor, die wir begingen, wenn wir Kinder ohne seine Vergebung die heilige Kommunion empfingen. Nach dieser Todsünde war die Hölle schier unausweichlich!

Viele Jahre plagten mich Alpträume deswegen. Damit die Sünde vergeben werden konnte musste beispielsweise ein gestohlener Gegenstand wieder zurückgegeben werden, hämmerte er uns ein, aber was in aller Welt war zu tun, wenn man diesen nicht mehr hatte, wie es auch für mich zutraf? Die Todsünde war unvermeidlich, denn die Kommunion war für uns Kinder nicht freiwillig, wir mussten teilnehmen.

Obwohl von meiner Mutter bereits evangelisch getauft, wurde ich vom Dorfpfarrer unmittelbar vor der ersten heiligen Kommunion kurzerhand einfach katholisch umgetauft.

Gelegentlich bescherte uns die Kirche allerdings auch etwas Taschengeld. Bei Hochzeiten warf das Ehepaar traditionell Geld unter eine Schar von Kindern, die bereits ab Beginn der Trauung ungeduldig am Ausgang der Kirche wartete. Während der Bräutigam mit Groschen um sich warf, verteilte die Braut Silbergeld an die Kinder.

Wir setzten unseren Weg weiter fort und gelangtem zum Marktplatz an dem gerade der Wochenmarkt stattfand. Auf dem Markt boten verschiedene Händler Ihre Waren an. So auch ein Pferdemetzger, welcher für 50 Pfennig heiße Pferdewürstchen in einer Semmel anbot. Die Würstchen waren nicht homogen, sondern hatten mit Wasser gefüllte Blasen. Tante Reta erstand für uns 2 der knackigen Würstchen, und als ich genüsslich, aber auch vorsichtig in meine noch sehr heiße Wurst hineinbiss, spritzte das Wasser in dünnen Fontänen weit heraus. Es sollten 4 Jahre vergehen, bis ich zu meiner ersten heiligen Kommunion wieder eines dieser Würstchen zu essen bekam.

Auf dem Markt befand sich auch das Feinkostgeschäft der Eltern meiner späteren Schulfreundin Berta. Unsere gegenseitigen Freundschaft und Zuneigung hat bis heute unverändert angehalten. Zwei bis drei Mal im Jahre besuche ich sie in Kallmünz, und an Ihren Gesten und Blicken erkenne ich jedes Mal, wie viel sie doch für mich empfindet. Eine große, herzliche Freundschaft, welche nun schon über fünfzig Jahre andauert.

Über die steinerne Brücke begaben wir uns auf die andere Seite der Naab auf der sich außer dem Friedhof, einigen Wirtshäusern und Geschäften, die drei Kinderheime befanden.

Unser Fußweg führte uns weiter zum ersten und größten Kinderheim in Kallmünz, dem katholischen von Ordensschwestern geführten Kinderheim. Eine Gruppe von militärisch gedrillten Kindern kam uns schweigend in Zweierreihen entgegen. Die Gruppe wurde von mit  Stöcken bewaffneten Nonnen begleitet.
 
 Für mich waren diese in dunkle Gewänder gehüllten Gestalten keinesfalls Dienerinnen Gottes sondern vielmehr Gehilfen des Satans, denn ihr Handeln war eher diabolisch. Dort, im kath. Kinderheim wurde geprügelt bis Blut floss oder sich ihr ausgewähltes Opfer nicht mehr rührte. Ich selbst wurde Jahre später zu einem Ihrer Opfer.
 
 Im Zentrum des großen Innenhofes des kath. Kinderheimes, der von der Straße aus frei zugänglich war, befanden sich drei hohe Kletterstangen aus Eisen. Diese Kletterstangen lockten uns Kinder aus dem Nachbarheim gelegentlich, um unsere Geschicklichkeit und Kraft untereinander zu messen.
 
 Das Betreten des Klosters war uns eigentlich unter Androhung von Bestrafung streng untersagt.  Dennoch riskierten wir gelegentlich den unerlaubten Zutritt. Allerdings erst nach gründlicher Sondierung des Geländes. Die Nonnen waren in Ihren langen Gewändern zum Glück träge und langsam, so konnten wir uns in Regel rechtzeitig vor ihrem Zugriffs in Sicherheit bringen. Eines Tages aber, ich war alleine auf dem Hof und befand mich gerade am obersten Ende einer Kletterstange, kamen gleich drei der Nonnen von verschiedenen Seiten heran. Ich konnte ihnen zu meinem Entsetzen nicht mehr rechtzeitig entfliehen. Zwei der Nonnen hielten mich an den Armen fest. Trotz heftiger Gegenwehr konnte ich mich ihrem festen Griff nicht mehr entziehen.
  
 Ich stand mit dem Rücken gegen eine der Kletterstangen und sie zerrten von hinten an meinen Armen, so dass ich mit dem Rücken gegen die Stange gepresst wurde. Die dritte und auch älteste Nonne hatte eine Art Lederriemen, ähnlich einem Gürtel, mit dem sie heftig auf mich einschlug. Vorher hatten Sie mir Hose und Unterhose heruntergezogen. Das bevorzugtes Ziel ihrer Schläge war mein Unterleib.
 
 Mein labiler Kreislauf kam mir zu Hilfe. Ich erlitt einen Kreislaufkollaps. Nachdem sich mein Kreislauf  etwas erholt hatte, zerrten sie mich zur Heimleiterin Maria Lassleben. Nachdem sie mich im Keller eingesperrt hatten, wurde eine Strafe für mich ausgehandelt. Für 3 Tage wurde mein Essen auf  Brot und Wasser reduziert.  Während der folgenden Tage musste ich unter Aufsicht einer älteren Nonne jeweils nach der Schule schwerste Steinplatten schleppen und aufschichten. Dies geschah nicht, ohne mich regelmäßig mit Ihrem Riemen zu mehr Leistung anzutreiben. Bereits am ersten Tag bekam ich unerträgliche Magenschmerzen, welche auch nachts nicht nachließen, und ich wurde von der Heimleiterin am folgenden Tag zum Arzt geschickt. Dieser vermutete einen Blindarmdurchbruch und ließ mich sofort ins Krankenhaus Burglengenfeld einliefern.

Dort entfernte man sofort den Blinddarm und operierte ebenfalls einen Nabelbruch, dessen Ursache im Hochheben der schweren Steinplatten lag. Mein Vater wurde aber seltsamerweise nur über die Entfernung des Blindarms unterrichtet, den Nabelbruch verschwieg man wohlweislich.

Im Burglengenfelder Krankenhaus arbeitet ebenfalls Nonnen wie im Kinderheim Kallmünz. Soweit ich mich entsinnen kann, lag der einzige Unterschied darin, dass die Ordensschwestern im Krankenhaus weiße Kleidung trugen. Ansonsten standen sie den schwarz gekleideten an Gehässigkeit in nichts nach. So sprach man mich während des gesamten Aufenthalts nur mit Bastard an. Aber an diesen Namen hatte ich mich längst gewöhnt.

Nach der 2. Operation bekam ich sehr starke Schmerzen, an die ich mich heute noch gut erinnere. Die Schmerzen wurden auch ständig schlimmer. Wenn ich aber bei den frommen Schwestern über meine Pein klagte, gab es nur Schläge ins Gesicht, und man verwies auf die vielen anderen Kinder, die nicht klagten, sondern schliefen.

Am folgenden Sonntag wurden alle anderen Kinder von ihren Eltern besucht. Ich sah wie die Mütter sich besorgt über ihre Kinder beugten, sie sanft streichelten und Ihnen liebevolle Worte zuflüsterten. Da vermisste ich meine Mutter umso mehr, und ich heulte laut vor Trauer, Wut und Hass, aber auch vor Schmerz, denn die Schmerzen waren schier unerträglich geworden.

Die Mutter des Kindes neben mir wurde aufmerksam auf mich und fühlte mit ihrer Hand meine Stirn. Sie runzelte die Stirn, und ich konnte am Ausdruck ihrer Augen sehen, dass ihr mein Zustand Sorgen bereitete.

Sofort eilte sie und rief - gegen die Proteste der Nonnen - einen Arzt herbei. Dieser tastete meinen Bauch ab, und ich musste bei dem daraus resultierenden stechenden Schmerz laut aufschreien.

Auch das Fieber wurde gemessen und ergab wohl einen unnatürlich hohen Wert. Die Blindarmwunde hatte sich entzündet, und der Doktor gab seiner Assistentin Anweisungen. Diese kam nach wenigen Minuten mit einer für mich erschreckend großen Spritze zurück. Mehrmals Stach er damit tief in die Wunde und entfernte eine große Menge an Blut und Eiter. Die Schmerzen ließen nach und auch das Fieber ging allmählich wieder zurück.

Ich bin heute noch davon überzeugt, die Ordensschwestern wollten mich ganz bewusst krepieren lassen!

Am letzten Tag vor meiner Entlassung kam Walburga, die Schwester der Heimleiterin zu Besuch. Sie drückte mir kurz ein kleines Brevier von Pater Leppich in die Hand. "Ließ dies!", sagte sie schroff. "Das wird in Zukunft den Satan von dir fernhalten." Dann ging Sie wieder.

Gegenüber dem Kloster befand sich das Kinderheim Maria Laßleben. Hier endete unser Fußweg durch Kallmünz. Wir hatten unser entgültiges Ziel, welches für die nächsten 8 Jahre meine neue Heimat werden sollte, erreicht.

Das große Grundstück des Kinderheims war von einem knapp 2 m hohen Holzlattenzaun umgeben. Aus dem bloßen Begriff  "Kinderheim" könnte man vorschnell "ein Heim für Kinder" ableiten. Dies war es allerdings im wahrsten Sinn des Wortes auf gar keinen Fall. Wie nennt  man denn einem solchen Platz, an dem auf unbestimmte Zeit  ungewollte Kinder abgeschoben werden?

 Auf dem Weg vom Eingangstor zum Hauptgebäude sahen wir einige Kinder, die in den schnurgeraden Beeten des Gartens Unkraut jäteten. Die kleineren unter ihnen suchten in der trockenen Erde nach Steinen  und schichteten diese zu Haufen am Rande der Beete.

Eine großgewachsene Frau in grauen Rock und weißer Bluse beaufsichtigte die Kinder. Sie hatte schmale Lippen und ihre langen, glatten Haare waren streng zu einem Dutt gebunden. Mit beiden Händen umklammerte Sie mit festem Griff einen Teppichklopfer, der am anderen Ende auf ihrem linken Fuß ruhte.

Zur damaligen Zeit wurden damit regelmäßig die Teppiche vom Staub befreit. Im Sommer hängte man die Teppiche zum Klopfen über eine extra dafür angebrachte Teppichstange. Im Winter wurden die Teppiche einfach in den Schnee gelegt, um dann mit viel Kraft auf sie einzudreschen. Allerdings war weder eine Teppichstange noch irgend ein Teppich in der näheren Umgebung zu sehen. Mir war schnell klar, wofür Sie diesen Teppichklopfer zweckentfremdete.

Als sie uns sah, legte sie den Klopfer aus den Händen und kam uns mit forschem Schritt entgegen. Sie stellte sich als Tante Maria vor und wies mir mit knappen Worten und ausgestrecktem Zeigefinger einen Platz auf einer Holzbank hinter dem Haus zu. Hier standen 5 Tische mit Sitzbänken an jeweils beiden Längsseiten. Es war der Platz, an dem wir in der warmen Jahreszeit unsere Mahlzeiten einnahmen. Ich nahm gehorsam Platz und beobachtete aufmerksam die Kinder, die neugierig zu mir herüber schielten, ohne aber ihre Arbeit zu unterbrechen. Tante Reta ging mit Maria ins Haus. Während ich alleine im Garten mit meinem Köfferchen auf dem Schoß saß und wartete, begriff ich dass man mich nun endgültig abgeschoben hatte. Hatte ich doch gerade erst begonnen mich bei Tante Reta Wohlzufühlen. Sie war eine fürsorgliche Frau mit einem eigenen Haus, einem Garten und Hühnern darin. So breitete Sie vor dem wöchentlichen Baden die frische Unterwäsche über der Heizung aus, damit diese sich nach dem Verlassen des Waschbottichs auch angenehm mollig und warm auf dem Körper anfühlte. Bis zum heutigen Tag ist mir die morgendliche große Tasse Carokaffee in welche die Semmel getunkt wurde in bleibender Erinnerung.
Immer mehr überkam mich Trauer aber auch Wut und Hass. Als diese Gefühle überhand nahmen, schrie ich mir mit einem kurzen aber lauten Aufschrei den Kummer von der Seele, dann schluchzte ich nur noch resignierend bis man mich nach etwa 20 Minuten abholte. Man legte mich in ein Gitterbett dass eigentlich für Kleinkinder gedacht war. Ich weinte noch lange an diesem Nachmittag ehe ich von Tränen erschöpft einschlief. 
Als ich Stunden später wach wurde dämmerte es bereits. Ich stand auf, kletterte aus dem Bett und verlies das Haus um mich auf die Suche nach Tante Reta zu machen. Diese aber, war ohne Abschied längst wieder abgereist. Ich wollte mich gerade auf den Weg zur Bushaltestelle machen, da kam die Heimleiterin mit forschem Schritt und strengem Gesichtsausdruck auf mich zu und streckte mir Ihre Hand entgegen.

 

 

 
     









::::::::::::::::
Nicht dass man nun glauben könnte, Maria wollte mir die Hand reichen, nein, sie streckte ihre Hand nur aus, um mich schmerzhaft an den Ohrlappen zu ergreifen, so dann dirigierte durch ziehen und drücken den Weg, den ich zu gehen hatte. Auf der ersten Etage gab es neben der Treppe ein Schlafzimmer für Mädchen und am anderen Ende des Flures eines für Jungen. Dazwischen war die Treppe zum Speicher und die Toilette. Wir betraten gemeinsam das Schlafzimmer und sie wies mir mein Bett zu. Im Jungenschlafzimmer standen 5 Betten aus Stahlrohren. Auf den Betten lagen mit gehäckseltem Stroh gefüllte Jutesäcke. Und eine zusammengefaltete graue Filzdecke. Jede Nacht sammelte sich unter jedem Bett eine gute Hand voll Staub aus zerriebenen Stroh, dass durch den Jutesack rieselte. Außer den Betten gab es kein weiteres Mobiliar im Schlafzimmer. Auch die Wände waren kahl bis auf ein kleines Holzkreuz mit der Christusfigur, dass über der Tür angebracht war. Im Schlafzimmer befanden sich drei Fenster zwei zum Giebel des Hauses mit Blick auf das Eingangstor und dem weiter dahinter liegendem katholischem Klosterkinderheim. Eines der Fenster befand sich in der Dachschräge und bot einen malerischen Panoramablick auf das historische Kallmünz in dessen Zentrum sich der mächtige Burgfels mit der Ruine befand. 
An diesem Fenster verbrachte ich in den folgenden Jahren etliche Abende, oft bis tief in die Nacht. Das Bild hat sich bis heute fest in mein Gehirn eingebrannt. Ganz besonders eindrucksvoll war der Ausblick in Nächten mit starken Gewittern, wenn peitschende Blitze die Burgruine für Sekunden hell erleuchteten. In den unendlich vielen Stunden die ich an diesem Fenster im Lauf der Jahre verbrachte, baute ich mir meine eigene Traumwelt eines besseren Lebens mit liebevollen Eltern und allem was zu einer glücklichen Familie gehörte auf. Ich glaube heute, dass mir diese Tagträume geholfen haben diese schwere Zeit einigermaßen schadlos zu überstehen.


Vor dem Abendessen stellte Tante Maria mich dann noch den anderen Kinder vor. 
Für die kalte Jahreszeit gab es im Erdgeschoss links neben der großen Küche einen Raum in dem das Abendessen eingenommen wurde.
In der Küche stand ein große alter Kachelofen über den das ganze Haus beheizt wurde.
Rechts neben der Küche befanden sich die Privaträume von Frau Laßleben.

Niemals kam eines der Kinder in die Räume der Heimleiterin aber die Neugier war groß.
Eines Abends, die Heimleiterin hatte vergessen die Tür zu Ihren Privaträumen zu verschließen, schlich ich mich neugierig in Ihr Zimmer. Rechts neben der Tür hing unterhalb eines hölzernen Kreuzes, ein kleines Weihwasserkesselchen hinter dem ein kleines Sträußchen vertrockneter Zweige steckte.
Unmittelbar daneben hing der Teppichklopfer. Ein Teppich war damit sicher noch nie geklopft worden. Der obere Teil des Teppichklopfers war so Blutverschmiert, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Ich kam gar nicht dazu, mich etwas umzusehen, da hörte ich Tante Maria auch schon kommen. Zum Glück fand ich ein kleines Versteck hinter dem Sofa wo ich zusammengekauert und ängstlich sehr lange verhaarte. Ich wagte kaum zu atmen. Kurz bevor Sie Ihren angrenzenden Schlafraum betrat und ich mich wieder rausschleichen konnte, öffnete Sie Ihren mächtigen Dutt und bürstete Ihr Haar. Noch nie hatte ich so langes Haar gesehen!
Es reichte bis zu den Kniekehlen. Es war das einzige mal, dass ich sie ohne ihren Dutt sah.

Von Maria Laßleben ging nur eisige Kälte aus. Da war nichts Vertrautes, wie ich es doch noch von Tante Reta kannte, kein freundliches lächeln, nie kamen irgendwelche lieben oder tröstende Worte über Ihre Lippen wo es doch ständig so unendlich viele Tränen um sie herum gab. Nicht die geringste Wärme brachte sie den ihr in Obhut anvertrauten Kindern entgegen. Geborgenheit, Liebe oder Mitgefühl suchte man bei ihr vergebens. Da gab es nur Befehle und Anordnungen. Die Kinder heulten als Sie kamen, Sie heulten wenn Sie wieder gingen und besonders heulten Sie in den Nächten. Unvergessen! Abends, wenn wir im Schlafzimmer in den Betten waren, hörte man von allen Seiten das Schluchzen, das unter den Kopfkissen hervordrang in welche Sie Ihre traurigen Gesichter vergruben. Nie wieder habe ich so viel Traurigkeit gesehen wie in den Antlitzen dieser gepeinigten und von ihren Eltern verlassenen Kinder. Da war niemand der Ihnen Trost zusprach oder Ihre Tränen zu trocknen vermochte. So verwunderte es mich dann auch nicht sonderlich, als ich sehr viel später von Selbstmorden der Verstoßenen hörte.


An dieser Stelle möchte ich den Brief eines Heimkindes einfügen den ich 50 Jahre später erhielt. Trotz der vielen Jahre hatte Helga Ihren Schmerz noch immer nicht überwunden.
Auszug aus Brief von Helga:

Hallo Norbert, 
kann mich leider immer noch nicht an Namen erinnern. Der einzige ist nach wie vor Gaby, und bei dem bin ich mir nicht mal sicher ob ich mir den nicht nur einbilde, weil es in meiner Erinnerung jemand war dem ich mein Kummer erzählt habe, aber für mich auch kein Gesicht hat, so wie alle anderen. ich erinnere mich lediglich dass es sich überwiegend um kleinere Kinder gehandelt hat, die jünger als ich waren (ich war 8/9 Jahre). Und daran wie schrecklich es für mich war, Zuschauer von Gewalt an kleinen Kindern gewesen zu sein. Selbst die Anwesenheit meiner Schwester hatte ich ausgeblendet, was jetzt erst stückweise zurück kehrt. Es waren übrigens so viele Berliner weil das Heim aus irgend einen Grund einen guten Ruf hatte und wohl zu den preiswerteren gehörte. Tatsächlich war es aber auch recht, dass es so weit war, dass die Verwandten nicht hinreisten und störten. Die öffentliche Heimpädagogik vertrat damals die Meinung dass die Kinder im Kinderheim nicht durch Elternbesuche irritiert werden sollten. Wir sind von unseren Eltern besucht worden und meine Mutter erzählte später immer wieder, dass die Zustände die sie da antrafen, so schlimm waren, dass sie das dem Amt gemeldet hatten. Angeblich soll es dazu geführt haben, dass von meinem Bezirk (Tiergarten) keine Kinder mehr hingeschickt wurden. 
Ich bin froh dass ich später als Du und nicht so lange da war. Mein Leben war zwar trotzdem nicht einfach, ständiger Terror zu Hause bis wir zur nächsten Scheidung wieder im Heim (in Berlin in einem Nonnenkloster) landeten. Meine Schwester hat sich mit 20 das Leben genommen, ich hab dann aber zum Glück noch irgendwie die Kurve bekommen. Aber viele Jahre und zu Deiner Zeit in dem Heim muss echt die Härte gewesen sein. Also ich hoffe Du hast jetzt ein besseres Leben und kannst es genießen. 
liebe Grüße aus Werde 
Helga



An diesem ersten Abend im Heim, gab es wie auch in den folgenden nächsten Jahren die Reste vom Mittagessen. In der Regel war dies in den ersten Jahren im stetigen täglichen Wechsel Griesbrei oder Reisbrei. Gelegentlich, für meinen Geschmack leider viel zu selten kamen auch mal Nudeln auf den Tisch. Ein riesiger Topf voll Makkaroni mit kleinen zerschmolzenen Käsestückchen darin. Oft stellte ich mich gleich 3 mal für einen Teller Nudeln an, in der Hoffnung eine Portion zu erhaschen, in der sich auch wirklich ein kleines Stück Käse befand, denn ich liebte diese Käsenudeln waren sie doch eine willkommene Abwechslung.
Zu Griesbrei und Reisbrei gab es mitunter als Beilage eingemachte Beeren, welche wir Kinder selbst in den umliegenden Wälder und Wiesen gesammelt haben. 
Gesammelt wurde alles, was die Natur hergab, wie Holunder, Blaubeeren, Hagebutten und vieles mehr. Im Herbst sammelten wir in großen Mengen Pilze.
Zum Frühstück gab es regelmäßig Griessuppe mit einer Scheibe Brot.
Dazu wurde Gries in einem Topf etwas angeröstet bis er eine hellbraune Färbung hatte. Dann wurde Brühe darüber gegossen und das Ganze einige Minuten gekocht. Fertig war das Frühstück. Es waren tatsächlich schwere Zeiten zur damaligen Zeit.
Diese unbeschreiblich Vielfalt an Lebensmitteln die uns heute angeboten werden gab es nicht. Trotzdem mach ich mir gelegentlich heute noch diese gebrannte Griessuppe. Allerdings röste ich den Gries heute mit etwas Butterschmalz und einer klein geschnittenen Zwiebel an, benutze zum Aufgießen eine kräftige Rindfleischbrühe und obenauf kommt zum krönenden Abschluss noch etwas frischer Schnittlauch. Dazu esse ich gerne ein frisches knuspriges Graubrot mit guter Butter.
Süßen Griesbrei und Reisbrei, den es fast jeden Mittag gab, habe ich seit der Zeit nie wieder gegessen. Bis heute ist mir jede Art von Brei zuwider! Fleisch gab es nur Weihnachten und Ostern. In späteren Jahren, wurde das Essen etwas abwechslungsreicher. Es gab dann auch öfter mal Kartoffeln oder sogar Knödel.
Nach dem Essen befahl mich Maria in den Waschraum. Unterwegs versuchte mich auszufragen über Vater Mutter usw. aber ich senkte mein Haupt starrte die Kacheln auf dem Fußboden an und blieb ihr alle Antworten schuldig. Im Waschraum angekommen musste ich alle Taschen meiner Lederhose leeren. Der Inhalt, ein paar Groschen und ein kleines Taschenmesser wurde konfisziert. Anschließend wurde ich komplett entkleidet und bekam ein Nachthemd übergezogen. Meine Kleidung, sowie die Wäsche aus meinem Köfferchen wurden einem älteren Mädchen übergeben. Diese musste Wäschenummern, für mich die Zahl "44" in jedes Kleidungsstück einnähen.




Vor dem Krieg betrieb Frau Laßleben in ihrem Haus eine kleine Weberei. Die Webstühle wurden von den Besatzungsmächten, womit ich die Amis meine, beschlagnahmt und etwas später abtransportiert. Zurück blieb das leere Haus. Frau Laßleben fasste den Entschluss, zum zukünftigen Gelderwerb eine Kinderheim zu gründen. Kinderheime waren wohl sehr gefragt damals, der Krieg hatte ja genügend Waisenkinder hinterlassen und zerrüttete Ehen die vernachlässigte Kinder hinterließen gab es damals wie heute. Die meisten Kinder waren bereits psychisch gestört bevor sie ins Heim kamen. Was haben die Jugendämter sich damals eigentlich gedacht, als Sie die Kinder in die Verantwortung der Frau Laßleben übergaben? Wie um Gottes Willen sollte eine Frau die niemals auch nur die geringste Ausbildung zur Erziehung von Kindern genossen hat, ja noch nicht einmal selbst irgendwelche Erfahrungen als Mutter gesammelt hat, diesen Kindern den Weg ins Leben bereiten.



Die Schule
Nach dem Frühstück wurden die Schulbrote verteilt und wir machten uns sofort auf den Fußweg quer durch das Dorf über die Naabbrücke und den Marktplatz an der Kirche vorbei zum Schloss Raitenbuch in welchem die Schule untergebracht war.
Diese befand sich direkt neben der Kirche. Der am hinteren Eingang befindliche Schulhof war eingekesselt zwischen den hohen Mauern des Schlosses und den steilen, doppelt so hohen Kalksteinfelsen. 
Die Schulbrote waren entweder nur mit Marmelade oder nur mit Margarine bestrichen. Beides zusammen gab es aber nie.
Dem Anblick der dicken Wurstsemmeln einiger Mitschüler aus dem Dorf konnte ich gelegentlich einfach nicht widerstehen und so ergab es sich gelegentlich, dass eines dieser Brötchen von mir entwendet und genüsslich verspeist wurde. Ich garantiere aber, dass weiß Gott keiner der Geschädigten wegen meines Mundraubes verhungern musste. Alle Schulkinder aus dem Dorf bekamen in der großen Pause ein Fläschchen mit Milch oder Kakao. Nicht aber wir Heimkinder. So musste ich dann und wann vor der Pause die Toilette aufsuchen um in den Besitz eines solchen Fläschchen zu kommen. Der Weg zur Toilette führte mich somit über den Hof auf dem die vollen Milchkästen angeliefert wurden. Auf dem Rückweg zum Klassenzimmer habe ich selbstverständlich das leere Fläschchen ordentlich in den Kasten zurück gestellt und somit die entstandene Lücke wieder geschlossen. In den ehemaligen Klassenzimmern kann man heutzutage fein Speisen. Tief im natürlich entstandenen Felsengewölbe wird der dort kredenzte Wein gelagert. An dieser Felshöhle vorbei führt ein steiler Weg hinab zur ehemaligen Hausmeisterwohnung. Die drei kleinen Zimmer wurden in eine urgemütliche Kneipe mit alten Bildern und Trödel an den Wänden umgewandelt. Aus dem ehemaligen Schulhof wurde indes ein rustikaler Biergarten, sicher einer der schönsten der Oberpfalz. Dort genießen Einheimische und Besucher gemeinsam an heißen Sommertagen selbstgebrautes Zeugl Bier vom Luber Wirt.
.....

Gewalt oder Antiautoritäre Erziehung
Zwei Betten rechts von mir hatte Robert seinen Schlafplatz. Er war Bettnässer.
Es ist einfach unvorstellbar was Grausames diesem armen Jungen angetan wurde.
Nach dem morgendlichen Wecken kontrollierte Maria mit ihrem Teppichklopfer bewaffnet bei allen Bettnässern die Leintücher. Robert passierte diese Missgeschick fast jede Nacht. Sein kleiner Kinderpopo, ich glaube Robert war etwa 9 Jahre alt bestand nur noch aus unverheilten Wunden. War das Lacken nass, umklammerte sie den Klopfer fest mit beiden Händen, dann drosch sie, weit ausholend mit aller Kraft auf den vor Schmerzen schreienden Jungen ein. Ihr vor Wut verzerrtes, hochrotes Gesicht und seine Schreie haben mich noch sehr lange in meinen Träumen verfolgt.
Wie vieles andere auch.
Als sie feststellte, das ihre Schläge alleine keine Wirkung erzielten, wurde Robert von ihr im vom Urin durchnässten Schlafanzug und mit dem bepissten Leintuch über den Schultern durchs Dorf gejagt.
Man hört heute gelegentlich andere Schuldige sagen, Schläge wären damals die übliche Erziehungsmethode gewesen. Das waren aber nicht einfach nur Schläge, das war Folter.
Für Robert jedenfalls war dass alles zuviel der Grausamkeiten. Auch er, hat später Selbstmord begangen, wie mir seine Schwester Regina vor Jahren schrieb.
Maria hatte offensichtlich keine Ahnung was sie mit ihrer autoritären Erziehung anrichtete. Sie glaubte tatsächlich er würde absichtlich ins Bett pissen. Niemals kam ihr der Gedanke der Junge könnte psychisch krank sein. Oder doch? Hatte sie eventuell sogar Freude daran ihre Schützlinge zu Quälen. Ich weiß es nicht. Ich hätte ihr gerne so manche Frage gestellt, als ich Jahrzehnte später wieder nach Kallmünz kam aber sie war bereits verstorben. Ein eisernes Kreuz schmückt nun ihr einsames Grab in dem sie ganz alleine auf ihr Urteil wartet.
Ein kleines Mädchen war entlaufen, Sie war vielleicht 4 oder 5 Jahre alt. Ständig liefen irgendwelche Kinder weg. Ich denke, jedes der Kinder hat irgendwann mal versucht diesem Gefängnis zu entfliehen. Als das Mädchen auch spät am Abend nicht zurückkam mussten die älteren Kinder nach Ihr suchen. Ich fand Sie schlafend auf einem Stoppelfeld. Sie murmelte etwas vor sich hin, Sie träumte wohl? Hinter dem Feld begann eine Wiese mit kleine Bäumen und Sträuchern die wiederum an steil abfallende Felsen grenzten. Das hätte sehr schlimm ausgehen können. Nachdem ich kurz den anderen zurief, dass ich Sie gefunden hatte, schüttelte ich Sie sanft bis Sie aus Ihren Träumen erwachte. Sie stand auf, umarmte mich und sprach: Bring mich zu meinem Papa, ich will zu meinem Papa. Ein leises wimmern folgte. In nächsten Augenblick stürzte Sie seitlich zum Boden wo Sie stumm liegen blieb. Die kräftige Hand der Heimleiterin hatte Sie mit aller Wucht im Gesicht getroffen.
In den frühen Jahren im Heim waren Prügel die einzige angewendete Erziehungsmethode. Jahre später erwarb Tante Maria ein Schwarz-Weiß-Fernsehgerät. Sehr Stolz erzählte sie uns immer wieder von diesem technischen Wunderwerk mit dem man Bilder aus der ganzen Welt sehen konnte. Allerdings gewährte Sie uns keine Einblick in diese neu Technik. Eines Tages jedoch erlaubte Sie uns an ihrem Fernsehgenuss zumindest zeitweise Teil zu haben. Zur damaligen Zeit gab es eine Sendereihe mit dem Namen "Abenteuer unter Wasser". Sie hatte sich entschieden, diese Sendung mit uns gemeinsam anzusehen. Es gab aber ein Bedingung. Vor der Sendung musste ein jeder einige Aufgaben aus dem Ein mal Eins lösen. Nur wer alle Fragen richtig beantworten konnte durfte an dem Fernsehgenuss teilhaben. Dies war das erste mal, das Tante Maria antiautoritäre Erziehung praktizierte. Auch gab es eine neue Anordnung. Wer nicht rechtzeitig zu den Mahlzeiten kam, erhielt statt der üblichen Ohrfeige als angemessene Bestrafung nun eine Scheibe trockenes Brot und dazu ein Glas Wasser.
Zur selben Zeit wurde Maria bei der täglich anfallenden Arbeit durch junge Frauen unterstützt. Eine davon hatte wohl besonderen Gefallen an mir. Immer wenn sich ihr eine Gelegenheit bot in der sie unbeobachtet war, küsste sie mich auf den Mund. Es gefiel mir schon außerordentlich, wenn Ihre warmen weichen Lippen die meinen berührten. Dabei streichelte sie gleichzeitig sanft meinen Rücken, was ich ebenfalls als durchaus angenehm empfand, war es doch die einzige Zuneigung die mir in dieser Zeit zuteil wurde. Da ich keinerlei Abwehr gegen ihre Art der Zuneigung zeigte, ging sie schon bald noch einen Schritt weiter. Weit unten im Garten, am Rande des Grundstückes stand ein kleines Holzhaus, welches im Erdgeschoss aus nur einem einzigen Raum, der Tische und Stühle beherbergte bestand. Dort wurden in den Sommermonaten bei schlechter Witterung die Schulaufgaben und andere Hausarbeiten wie Strümpfe stopfen und ähnliches erledigt. In der hinteren linken Ecke führte eine kleine Treppe zum Speicher des Schuppens. Dieser war so niedrig, dass ein Erwachsener kaum aufrecht stehen konnte. Auf dem Dachboden lagerten Decken, Matratzen sowie große Haufen alter Kleidung. Dort hinauf lockte mich das schöne Mädchen. Dabei bezauberte sie mich mit einem freundlichen Lächeln welches ihre roten, wunderschönen Lippen für mich formten. Zugleich strahlten ihre glanzvollen Augen mich erwartungsvoll an. Als wollte sie sagen, keine Angst mein kleiner Freund. Dann erfasste sie mit ihrer linken Hand behutsam meinen Arm, während sie mit ihrer Rechten, zärtlich meine Wange streichelte. So zog sie mich langsam zu ihr und weiter die Treppe hinauf. Oben angekommen berührten mich ihre Lippen, ganz sanft, so wie sie es schon so oft getan hatte.
Es gab ein einziges winziges Fenster in der Giebelseite des Speichers durch das nur wenig Licht herein schien. Es war Sommer und extrem heiß auf dem engen Dachboden. Leicht gebückt streifte sie ihr dünnes leichtes Sommerkleid ab. Einen Büstenhalter trug sie damals nicht. Neugierig betrachtete ich ihre eher kleinen aber wohlgeformten Brüste, während sie ganz beiläufig, auch noch das Höschen ihre Beine hinunter fallen ließ. Mich überkam großes Verlangen ihre Brüste zu berühren, wagte dies aber nicht. Sie hatte mir den Wunsch wohl von den Augen abgelesen und führte meine Hand zu ihre Brust. Während ich äußerst behutsam ihre Brüste abtastete zog sie mich ganz nebenbei aus.
Dann geschah was immer in solchen Situationen geschah, geschehen musste. 
Besonders betonen möchte ich, egal was auch immer dort oben in diesem Liebesnest geschah, sie hat mir aus meiner Sicht nie die geringste Gewalt angetan. Nichts geschah gegen meinen Willen im Gegenteil, ich genoss ihr Handeln und sehnte mich immer wieder erneut nach einem Zusammensein mit ihr, ihren Lippen und auch nach ihrem warmen weichen Körper. Es blieb nicht bei diesem einen Mal.
Sie war nur eine sehr kurze Zeit zur Aushilfe in dem Heim. Ich weiß nicht woher sie kam und wohin sie ging. Als sie das Heim eines Tages verließ hatte sie Tränen in den Augen, die traurig aber fest in die Meinen blickten, während sie sich mit leiser Stimme von mir verabschiedete. Leb wohl mein kleiner Freund, hauchte sie mir ins Ohr wobei mich ihre Lippen zum letzten Mal sanft berührten. Das blieben ihre einzigen Worte. Als sie auf dem Weg zum Tor davon schritt, weinte ich ebenfalls, denn ich vermisste sie doch ach so sehr.
Später gab es aber auch bösartige Übergriffe von Männern die mir in schrecklicher Erinnerung blieben und über die ich kam zu sprechen oder schreiben vermag.
Es kam vor, das die Jungen Abends leise ins Schlafzimmer der Mädchen schlichen, umgekehrt kamen einige Mädchen ins Schlafzimmer zu den Jungen. Angefangen mit einer ersten zaghaften Liebschaft unter den Kindern hatte Joachim, dessen Bett links neben dem meinem stand. Joachim wurde nur Scholty genannt, abgeleitet von seinem Nachnamen. Seine kleine Freundin Gisela hatte den Rufnamen Gilla. Beide kamen aus Berlin, Joachim aus Lichterfelde, Gilla wohnte später als junge Frau in Wedding. Gilla war ganz außergewöhnlich hübsch und hatte als einziges der Mädchen schon Brüste. Ihr langes Haar war zu eine Pferdeschwanz gebunden. Alle Jungen begehrten sie, auch ich. Zu Gilla hatte ich lange über die Heimzeit hinaus noch Briefkontakt. Joachim und Gisela waren die ältesten Kinder zu dieser Zeit. Wir jüngeren eiferten den beiden schon bald nach und auch wir besuchten uns regelmäßig. Wir schmiegten uns aneinander, schmusten und streichelten uns gegenseitig. Unter uns Kindern ist über Küsse und Liebkosungen hinaus nichts weiter passiert. Sicher waren es für manche Jungen und Mädchen die einzigen Streicheleinheiten die sie bis dahin je erhalten hatten.
 
 
Die Kinder im Heim wurden für verschiedene Arbeiten eingeteilt. Bei den Jungs waren das in der Regel Gartenarbeiten. Zu gewissen Zeiten arbeiteten wir auch auf den Feldern bei Bauern aus dem Dorf. Dies war aber durchaus üblich zur damaligen Zeit. Abends nach der Arbeit gab es bei den Bauern zur Belohnung etwas gutes zu essen. Eine begehrte Abwechslung zum gewohnten täglichen Brei.
Rolf, einer der Jungs aus dem Heim, hatte die morgendliche Aufgabe den großen Kachelofen in der Küche anzuheizen. Im Februar 1960 fasste er vermutlich den schicksalsschweren Entschluss den Ofen in die Luft zu sprengen. Während dem zu dieser Zeit stattfindenden Manöver "Winterschild" des Nordatlantikpaktes in der Oberpfalz und somit auch in Kallmünz. Massenhaft lagen Kunststoffpatronen der von den amerikanischen Soldaten verwendeten Manövermunition in der Umgebung von Kallmünz herum. Viele davon waren Blindgänger in denen sich noch das Schwarzpulver befand. Wir warfen diese gerne ins Feuer und warteten dann gespannt auf den Knall. Rolf schnitt die Patronen mit einem Messer auf und sammelte das Pulver in einem Schuhkarton. Als er seiner Meinung nach genügend zusammen hatte, schob er den ganzen Kartone samt dem Pulver in den Küchenofen und zündete den Karton an. Was er genau damit bezweckte, haben wir allerdings nie erfahren. Statt zu einer Explosion gab es aber nur eine riesige Stichflamme bei der er Verbrennungen im Gesicht davon trug. Nachdem der Krankenwagen mit ihm davon gefahren war, haben wir nie wieder von ihm gehört. Ich vermute, dass er wie auch andere Jungs vor ihm in einem Erziehungsheim untergebracht wurde.
 

 

Für Marlies
Die Liebe ist wie ein Baum, geboren aus unserem Herzen, wächst Sie langsam in uns heran und breitet ihr feines Geflecht von Wurzeln weit bis in die entferntesten Winkel unseres Körpers aus. So ergibt es sich, dass wir die Liebe im Augenblick höchsten Glücks mit jeder Faser unseres Körpers spüren.
Schließlich verankert Sie sich fest in unseren Gedanken um letztlich selbst in die intimsten Bereiche unseres Geistes vor zu dringen und diese in Besitz zu nehmen.
Hatte der Baum der Liebe genügend Zeit zur vollen Reife heranzuwachsen, wird er  Früchte tragen und in deren Samen die Erinnerung an diese Liebe wie einen Schatz hüten. 

***

Das Schicksal aber, hatte es anders vorgesehen.
Das Ende war bereits vorgegeben.
Von Anfang an.
Geprägt durch das Martyrium der geraubten Kindheit
Erbarmungslos und unausweichlich.
Trotz inniger Liebe.

*** 

Dann, Jahrzehnte sind vergangen, hast Du mich wieder gefunden.
Augenpaare, dass eine groß und Rehbraun sehen sich einander an.
Vertraute Hände berühren sich.
Liebe Worte dringen an mein Ohr.
Plötzlich war es wieder da, dieses längst vergessene Gefühl.
Warm durchströmte es meinen Körper, erfüllte ihn mit Glück und Wohlbehagen.
Aber, da ist auch etwas anderes, dunkles.
Ein flaues Gefühl im Bauch, Herzklopfen, die Brust scheint plötzlich zu eng geraten.

Es ist Angst, die Angst die in mir innewohnt

Was soll ich nur tun? 

Du selbst hast mir die Lösung mit Deinen Worten gegeben.
So will ich denn Dein Schutzengel sein, für eine gewisse Zeit.

 

 

Stand: 12. Dezember 2009