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Erinnerungsschnipsel:

 

 

 Eine Ausreißerin

Ein kleines Mädchen war entlaufen, Sie war vielleicht 4 oder 5 Jahre alt.
Ständig liefen irgendwelche Kinder weg. Ich denke, jedes der Kinder hat irgendwann mal versucht diesem Gefängnis zu entfliehen.
Als das Mädchen auch spät am Abend noch nicht zurück war, mussten die älteren Kinder nach Ihr suchen.  Es war schon fast Mitternacht und nur der Mond erhellte die Wiesen und Felder in der Umgebung des Kinderheimes. Ich fand Sie nach einiger Zeit zusammengekauert und schlafend auf einem Stoppelfeld. Sie murmelte leise, unverständliche Worte vor sich hin. Sie träumte wohl?  Hinter dem Feld begann eine Wiese mit kleineren Bäumen und Wacholdersträuchern die wiederum an steil abfallende Felsen grenzten. Alles  hätte auch sehr schlimm ausgehen können. Nachdem ich den anderen an der Suche beteiligten meinen Fund per Zuruf mitgeteilt hatte, schüttelte ich Sie sanft bis Sie aus Ihren Träumen erwachte. Sie stand langsam und da noch etwas schlaftrunken taumelnd auf, umarmte mich sogleich und sprach: "Bring mich zu meinem Papa, ich will zu meinem Papa".
Ein leises wimmern folgte.
In nächsten Augenblick stürzte Sie wie vom Blitz getroffen seitlich zu Boden wo Sie stumm liegen blieb.
Die kräftige Hand der Heimleiterin hatte Sie mit aller Wucht im Gesicht getroffen. 

 

 

 

 

 Wie weit reichen die  Erinnerungen zurück

Als Kleinkind war ich im Zirkus.

Aus dieser Zeit gibt es kaum Erinnerungen.

Während der Vorstellung lief ich unter den Sitzbänken der Zuschauer und suchte nach Verlorenem. Ich erinnere mich an die Pferde und den Geruch der Sägespäne in der Manege.

Nicht die geringste Erinnerung habe ich an meine Mutter. Da war auch kein Widererkennungseffekt, als ich irgendwann die ersten Fotos von Ihr sah.

Aus vielen Erzählungen von Artisten wusste ich, dass mein Vater, der Zirkusdirektor, immer Weibergeschichten hatte, unter denen seine Frau, die Ihm damals 8 Kinder geboren hatte, sehr gelitten haben muss. Damit man Ihm nicht auf die Schliche kam ließ er seinen Wohnwagen oft auf dem Verladebahnhof stehen, statt diesen wie alle anderen Wohnwagen auf dem Zirkusplatz zu präsentieren. Im Jahr 1947 gastierte Papa wohl in Mannheim wo die Eltern meiner Mutter mit der Reparatur von Zeltplanen Geschäfte machten. Großvater hatte Reparaturen am Zirkuszelt vorgenommen und schickte seine Tochter, meine spätere Mutter zum Zirkus um die Rechnung zu kassieren. Geh zu den Zigeunern und kassier das Geld bevor Sie Nachts verschwinden, hatte er wohl gesagt.

Meine Mutter ging also zum Zirkus traf meinen Vater, verliebte sich in Ihn und reiste fortan mit ihm durch das Land. sie hatte sich wohl auf den ersten Blick in diesen Mann verliebt, der älter war als Ihre Vater. Einige Monate später, ich entwickelte mich bereits im Bauch meiner Mutter, machten sich die Großeltern mit der zurückgebliebenen Schwester meiner Mutter auf den Weg durch Deutschland, um die entflohene Tochter und Schwester zu besuchen.

Kaum im Zirkus angekommen packte auch die gerade erst 12 jährige Schwester das Zirkusfieber so sehr, dass Sie den Zirkus nicht mehr verlassen wollte. Sie erhielt also eine Ausbildung als Kunstreiterin von Dominik wie Sie meinen Vater nannte.

 Am 6. November wurde ich in Varel Ostfriesland geboren. Die folgenden 4- 5 Jahre basieren im wesentlichen aus Erzählungen von Tante Klara der Schwester meines Vaters. Als Kleinkind hatte auch Sie mich, wie viele andere Verwandte und Bekannte einige Monate versorgt. 

Tante Klara sprach erstmals mit mir, als Sie etwa im Jahr 1962 mit einem Liliputanerzirkus auf dem Annakirmesplatz in Düren gastierte. Vor Ihre  Abreise bat Sie mich zu Ihrem Wohnwagen zu kommen. Sie erzählte über Ihren Briefkontakt zu meiner Mutter während Sie mich in Verwahrung hatte.

Wie schon erwähnt litt meines Vaters Ehefrau unter den Episoden meines Vaters sehr. Nach Klaras Erzählungen übte insbesondere Carola massiven Druck auf meine Mutter aus.

Es bleibt zu vermuten, dass Sie diesem Druck nicht Stand hielt und meinen Vater ohne mich verließ.

Klara sagte, der ganze Hass der Familie habe sich dann gegen mich gewandt und Sie habe mich aus Mitleid einige Zeit bei sich aufgenommen.

 

Es folgten Jahre bei verschiedenen entfernten Verwandten die ich zum Teil noch recherchieren könnte.

 

Carola, meine Halbschwester war die absolute Herrscherin, der Feldwebel in der Familie. So hat Sie mich auch noch 15 Jahre später als Sie mit Ihrem Zirkus in Düren gastierte  verleugnet und das obwohl unser Vater selbst mich zu Ihr geschickt hatte. Als ich am Kassenwagen ankam um Freikarten abzuholen rief Sie nur: „Ich kenne diesen Rotzlümmel nicht, jagt Ihn davon.“

Im April 1972 feierte mein Vater seinen 90 Geburtstag. Ich war zu dieser Zeit 23 Jahre alt und kam zu diesem Ereignis von Hannoversch Münden, wo ich meinen Wehrdienst ableistete, angereist. Carola hatte für die große Geburtstagsfeier das Stadtparkrestaurant gemietet. Der WDR war aus gegebenen Anlass mit einem Fernsehteam vor Ort und berichtete am Abend in den regionalen Nachrichten über die Geburtstagsfeier.  Der Empfang fand im Pavillon des Erdgeschosses statt Die eigentliche Feier im Saal des 1. Stockes. An der großen, langen Tafel hatten bereits viele Gäste Platz genommen als ich ankam.

Am Kopfende saß natürlich Papa und um Ihn herum seine Kinder aus erster Ehe, außer mir natürlich! Carola hatte mir einen Platz am anderen Ende der Tafel zugewiesen. Sie grinste höhnisch als ich den Tisch entlang nach meiner Platzkarte suchte und mich dabei immer mehr von meinem Vater entfernte. Nun denn, auch ich hatte meinen Stolz und verzog mich  mit Karli Mark einem Schausteller und sehr guten Freund meines Vaters in die Bar im Keller des Restaurants. Etwas später, als Karli schon einiges getrunken hatte, ging er mit seinem Hut rum und sammelte bei den vermögenden unter den Gästen Geld für einen armen Soldaten wie er sich ausdrückte. Mir war das eher sehr peinlich, denn ich vermied es eigentlich fremde Hilfe jeglicher Art anzunehmen. Ich wollte niemandem Danke sagen und mein Leben lieber aus eigener Kraft meistern. Was noch sehr lange dauern sollte, bis ich meine eigenen Weg fand ohne die Zwänge von Verwandten die es vermeintlich nur gut mit mir meinten und doch mein Leben bewusst und absichtlich nur negativ beeinflussten.

 

Letzte Station war Tante Reta, die Schwester von Elisabeth Mösbauer, einer späteren Liebschaft meines Vaters und zugleich meine Stiefmutter. Der Mösbauer war ich von Anfang an ein Dorn im Auge, der beseitigt werden musste. Nachdem ihr Kind geboren war...................  Tante Reta lebte in Amberg (Oberpfalz) und sorgte für die Unterbringung in dem 40 KM entfernten Heim in Kallmünz. Ein 2. Kind war Ihr einfach zuviel, denn Sie versorgte bereits ein anderes Kind (Seppi) meiner Stiefmutter.

 

 

Ulrike Meinhoff

Durch Ihre journalistische Tätigkeit hat sich damals der Zustand in den Heimen gebessert. Mit Zeitungsberichten Radiosendungen und nicht zuletzt Ihrem Fernsehfilm Bambule wies  Sie auf die Zustände in den Heimen hin.  Ich bin entgegen der allgemeinen Auffassung davon überzeugt, dass Ulrike dem Volk keinen Schaden zufügen wollte, sondern im Gegenteil, Missstände im Staat erkannt,  und diese zu bekämpfen versuchte. Allein um dem Volk und in diesem Fall den Kindern in den Heimen zu helfen tat Sie, was Sie eben nach Ihrer Lebensauffassung einfach tun musste. Ich kann es gut nachvollziehen. Wäre Ich Ihr damals begegnet, erfüllt von Hass, ich wäre sicher einer Ihrer größten Anhänger geworden. Ich ordne Sie daher auch heute noch nicht in die Reihen anderer Terroristen ein, die einfach nur Bomben unter das Volk werfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stand: 12. Dezember 2009